Geringere kulturelle Unterschiede sorgen für bessere Kommunikation
Osteuropäer verdrängen Inder vom deutschen Outsourcing-Markt

Seit der jüngsten Erweiterung der EU gewinnt die Auslagerung von IT-Dienstleistungen in die östlichen Nachbarländer zunehmend an Bedeutung.

DÜSSELDORF. Bislang war für viele Unternehmen klar, dass an indischen Spezialisten wie Tata Consultancy oder Wipro kein Weg vorbeiführt, wenn es um das Outsourcing von Programmier-Arbeiten ging. Nach Angaben des Marktforschungsinstitutes IDC decken die indischen Anbieter im amerikanischen Markt fast 75 Prozent des Offshore-Geschäftes ab, und auch in Deutschland dominieren sie. Zumindest bei komplexeren Dienstleistungen rund um die Informationstechnologie dürfte das Land aber bald eine noch stärkere Konkurrenz aus Osteuropa bekommen. „Einen Schub in Richtung Nearshoring gibt es bereits, die Nachfrage bei unseren Kunden nach Dienstleistungen aus den neuen EU-Ländern hat sich deutlich erhöht“, berichtet Hans-Jörg Siver von der Unternehmensberatung Cap Gemini. Sein jüngstes Beispiel: Ein großes europaweites Unternehmen will die komplette Finanzbuchhaltung mit Arbeit für 250 Mitarbeiter an einen polnischen Partner abgeben.

Im gesamten Bereich der Buchhaltung erwartet der Experte einen starken Drang nach Osten: „Durch die Mitgliedschaft in der EU gelten einheitliche Datenschutzgesetze, die Unternehmen haben dadurch höhere Rechtssicherheit.“ Für Marius Jost von IDC gibt es allerdings auch in Zukunft kein Entweder-Oder bei der Beschaffung von Ressourcen, sondern einen Mix aus inländischen Angeboten (Onshore), Offshore in Asien und Nearshore in Nachbarstaaten. Bei komplexen Projekten, die viel Kommunikation erfordern, sei der On- und Nearshore-Bedarf höher.

Je näher das Land, desto einfacher sei es, hochwertige Services auszulagern, bestätigt Jean-Christian Jung, der bei der Unternehmensberatung Pierre Audoin Consultants den osteuropäischen Markt im Visier hat: „Polen, Tschechien und Ungarn kommen für die Auslagerung kompletter Geschäftsprozesse in Frage, bei den Beitrittskandidaten Bulgarien und Rumänien lässt sich die Softwareentwicklung und -wartung gut erledigen.“ Cap Gemini sieht außerdem Slowenien als attraktiven Standort, wenn es um die Auslagerung kompletter Geschäftsprozesse geht. „Diese Länder bieten neben der politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Stabilität auch eine stabile Finanzdienstleistungsbranche“, so die Experten in einer Länderanalyse. Die Slowakei habe dagegen an Attraktivität eingebüßt.

Insgesamt spielen kulturelle Unterschiede in Osteuropa eine geringere Rolle: „Die Konfliktbereitschaft ist dort höher. Das ist positiv, denn bei Fehlplanungen erfolgt schneller Widerspruch durch die beauftragten Unternehmen als bei asiatischen Partnern“, so Marius Jost, der sich in einer IDC-Studie mit dem Thema befasst.

Der Drang nach Osten bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass den europäischen Platzhirschen wie Siemens Business Services, T-Systems, Cap Gemini oder Accenture lästige Konkurrenz erwächst. Im Gegenteil: „Die meisten dieser Unternehmen sind im Moment dabei, heftig in Osteuropa zu investieren und die Standortvorteile zu nutzen“, so Jung. Die Endkunden in Deutschland werden möglicherweise gar nicht merken, dass ihr Projekt in Osteuropa abgewickelt wird. Selbst indische Dienstleister versuchen zurzeit , die sich durch Beteiligungen in Europa in den Markt einzukaufen. Tata Consultancy etwa verfügt über ein Entwicklungszentrum in Budapest. In Zukunft, so schätzt Jung, werde Nearshore für deutsche Unternehmen wichtiger als Offshoring. Der Grund liegt für ihn vor allem im kulturellen Bereich. Er habe dazu geführt, dass Offshoring hier zu Lande nie richtig ins Laufen kam: „Amerikanische Unternehmen sind eben eher in der Lage, Prozesse sauber zu definieren und abzugrenzen. Das ist eine Voraussetzung für die Auslagerung in ein entferntes Land.“

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