Geschasster UBS-Chef
Peter Wuffli – Der Unaufgeregte

Bis Donnerstagnacht, dem Zeitpunkt seines Ausscheidens, war Peter Wuffli einer der einflussreichsten Banker der Welt. Gemerkt hat man das aber nicht. Als Chef des Schweizer Branchenprimus UBS hat er sich alle Mühe gegeben, keine Schlagzeile zu liefern. Das Porträt eines Mannes, der auffällig unauffällig war.

ZÜRICH. Die Szene, die sich im nagelneuen Stade de Suisse in Bern abgespielt hat, könnte als das zweite Wunder von Bern in die Annalen eingehen – in die Annalen der UBS jedenfalls. Peter Wuffli, Chef der Großbank und in der Liste der bekanntesten Schweizer, die Roger Federer anführt, immerhin auf Platz 85, steht gelöst auf dem Fußballrasen neben einem etwas bemüht dreinblickenden Hakan Yakin. Dem Fußballspieler der Berner Young Boys, der auf der Bekanntheitsliste mit Rang 25 deutlich weiter vorn als der Bankchef rangiert, ist unschwer anzusehen, dass ihm Ballkontakte lieber sind als solche zur Hochfinanz. Wuffli dagegen, jener Mann, der schon mehr als einmal Banker des Jahres geworden ist und dem seine Mitarbeiter vor allem einen intensiven Kontakt zum Geld zutrauen, scherzt sogar. Ob seine Gelöstheit daran liegt, dass die Performance der Schweizer Banken in der Regel besser ausfällt als die Ergebnisse der Schweizer Fußballer? Sollte Wuffli, der doch nie die Bodenhaftung verliert, tatsächlich gerade ein Gefühl der Überlegenheit auskosten?

Vorbei. Peter Wuffli ist nicht mehr Chef der UBS. Der Mann hat mit einmal keinen Boden mehr unter den Füßen. Nach mehreren bescheidenen Quartalsergabnissen, nach öffentlichen Zweifeln an der Strategie der Bank und nach Verlusten im US-Geschäft hat der Verwaltungsrat der UBS entschieden, dem Wechsel Wufflis an die Spitze des Gremiums nicht zuzustimmen. Das war's. Wuffli hat in der Nacht zum Freitag seinen Job als Bankchef gekündigt.

Wuffli war bis Mitte des verganenen Jahres einer, der gewohnt war, Glanzzahlen zu präsentieren. Das lief dann immer nach dem gleichen Muster ab, denn nichts ist der Schweizer Bank mehr verhasst als Überraschungen. Wuffli eröffnet die Bilanzkonferenz morgens um 9 Uhr in schnörkellosem Englisch und stets auf die Minute pünktlich. Sein Finanzchef wartet mit den Details auf. Dann dürfen Analysten, die ins Konferenzgebäude des Konzerns am Rande der Zürcher Bahnhofstraße geeilt sind, ihre Fragen stellen. Dann Journalisten. Nach knapp zwei Stunden ist die Angelegenheit inklusive der Einwürfe, die Zuhörer via Internet loswerden können, erledigt: Höchst effektiv, niemand bekommt eine Extrawurst und Wuffli kann sich zum Mittagessen anderen Dingen zuwenden.

Abends kann er pünktlich zur Familie kommen, in sein Reihenhaus unweit vom friedlich plätschernden Zürichsee. Er hört gerne Opernmusik und liest spanische Literatur, heißt es. Er engagiert sich bei den „Freunden der FDP“, der freisinnig demokratischen Partei, wie die Liberalen in der Schweiz heißen. Sie passen gut zu Wuffli: Es gibt wenige Entscheidungen, die an ihnen vorbeilaufen. Nach Außen sichtbare Spuren hinterlassen sie dabei kaum. Dass solch eine Strategie für eine politische Partei vielleicht schlechter ist als für eine für ihre Diskretion geschätzte Bank, muss Wuffli nicht kümmern.

Wenn er nicht arbeitet oder seinen Lieblingsbeschäftigungen nachgeht, sitzt der Mann mit dem Original-Schweizer Namen auch mal beim Elternabend auf den viel zu kleinen Stühlen in der Schule. Drei Kinder im Teenager-Alter sagen „Papa“ zu ihm. Oder er beteiligt sich an Straßenfesten, bringt einen Salat mit. Und nur wer ihn kennt, weiß, was dieser Mann mit dem leicht angegrauten Haar und der zierlichen Brille so macht, wenn er gerade nicht beim Plausch mit den Nachbarn steht. „Ein idealer Schwiegersohn“ ist die treffendste Beschreibung, die ein deutscher Banker einmal über jenen Herr Wuffli abgab, der die Unauffälligkeit zur Kerntugend erhoben hat.

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