Gilles Michel
Frankreichs Joker

Gilles Michel leitet Frankreichs Staatsfonds. Der Ex-Markenchef von Citroen ist der neue starke Mann in Frankreichs Wirtschaft. Er will sich für einen Spitzenjob in einem großen Konzern empfehlen.

PARIS. Es war ein Familienbild der besonderen Art: Renault-Chef Carlos Ghosn, Peugeot-Chef Christian Streiff und Gilles Michel, Chef des französischen Staatsfonds FSI, drücken sich die Hände und grinsen in die Kamera. Die drei haben gerade vor einem Pulk von Kameraleuten und Fotografen den Gründungsvertrag für einen neuen Unterstützungsfonds für die Autozuliefer-Industrie unterzeichnet. Vor allem für Gilles Michel ist dieser Akt Ende Januar etwas Besonderes: sein erster öffentlicher Auftritt als Chef von Frankreichs neuem Staatsfonds FSI (Fonds Stratégique d'Investissement).

Der 52-jährige Michel sitzt auf einer Schlüsselposition der französischen Wirtschaft. Denn er entscheidet maßgeblich mit, in welche Unternehmen der Staatsfonds seine rund sechs Milliarden Euro liquiden Mittel investiert - und so den Konzernen durch die Krise hilft. Vor wenigen Wochen stieg der FSI beim französischen Autozulieferer Valeo mit 2,35 Prozent ein. Als eine der ersten Amtshandlungen half Michel mit, den langjährigen Valeo-Chef Thierry Morin abzusetzen - dessen Strategie überzeugte nicht mehr.

Doch jetzt erfährt Michel, wie politisch sein neuer Job ist: Denn Regierung und Parlamentsabgeordnete üben massiven Druck aus, dass der Staatsfonds dem von der Pleite bedrohten Zulieferer Heuliez mit zehn Millionen Euro Eigenkapitalhilfe beispringt. Angesichts der düsteren Lage des Karosseriebauers wollte Michel zunächst nichts davon wissen. Nun will er nachgeben. Seine Bedingung: "Der FSI darf nicht der einzige Investor sein."

Die beiden Fälle zeigen, dass Michel seine Rolle im neuen Job noch finden muss. Der 1,93 Meter große Industriemanager will unbedingt vermeiden, dass der Staatsfonds Geld verliert. Schließlich "arbeiten wir mit dem Geld des Steuerzahlers".

Dieses Interesse, kein Steuergeld zu versenken, verfolgt der Absolvent der Elite-Schmiede Polytechnique nicht nur aus Staatsräson. Denn niemand in Paris glaubt, dass der Job beim FSI für Michel die Endstation ist. Sollte er seine Sache gut machen, dürfte er in wenigen Jahren zum Joker werden, wenn ein französischer Großkonzern einen neuen Chef sucht.

Gerade im eher staatsskeptischen Deutschland hat Nicolas Sarkozys Ankündigung, einen eigenen Staatsfonds zu gründen, für Kopfschütteln gesorgt. Denn Sarkozy sagte, dass Frankreich mit seinem Fonds seine "strategischen Unternehmen" vor dem Zugriff anderer Staatsfonds schützen wolle. Das riecht arg nach Protektionismus.

So bat Sarkozy nach eigenen Worten selbst den FSI, beim Autozulieferer Valeo einzusteigen, "um das Unternehmen nicht mit einem aggressiven Fonds alleinzulassen". Damit spielte der Staatschef offen auf den Valeo-Großaktionär an, den US-Fonds Pardus.

Michel selbst, der mit seiner schlanken Gestalt und dem korrekten Seitenscheitel auch als britischer Gentleman durchginge, zeigt sich da viel konzilianter. "Wir investieren nicht gegen jemanden, sondern im Interesse des Unternehmens", sagte er, als er die Valeo-Beteiligung vorstellte.

Dafür liefert er nun den Beleg. Denn offenbar ziehen Pardus und der FSI bei der Ablösung von Morin an einem Strang. Es scheint kaum vorstellbar, dass der Verwaltungsrat von Valeo den langjährigen Chef Morin den Stuhl vor die Tür stellte, ohne dass der neue staatliche Großaktionär hiermit einverstanden ist.

Auch die Wahl des Nachfolgers bei Valeo deutet auf das Adressbuch Michels hin: Den Chefposten übernimmt Jacques Aschenbroich, ein Ex-Top-Manager des Baustoffriesen Saint-Gobain. Und bei dem hat auch Gilles Michel einen großen Teil seiner Industriekarriere gemacht, bevor er 2002 zu Peugeot wechselte.

Nachdem Sarkozy seine Staatsfonds-Idee in die Welt gesetzt hatte, geisterte ein halbes Dutzend Namen durch die Presse, wer wohl die Leitung übernehmen würde. Warum Sarkozy ausgerechnet auf ihn kam, erklärte der Betroffene so: Die Regierung habe eine Führungskraft der Privatwirtschaft gesucht, die über Erfahrung in der Industrie und vor allem in der von der Krise gebeutelten Autoindustrie verfüge. Was ziemlich exakt dem Lebenslauf des in Marseille geborenen Ingenieurs entspricht.

Kenner der Autobranche verweisen aber auch darauf, dass "Michel als Markenchef von Citroën nie so richtig an seinem Platz war". Denn Michel gilt als Industrieexperte. Als er 2007 Markenchef von Citroën wurde, hatte er aber mit der Entwicklung neuer Modelle und der Produktion wenig zu tun, aber umso mehr mit Vermarktung und Kommunikation.

Das war noch anders, als er 2002 zum Autokonzern wechselte. Damals holte ihn der damalige Peugeot-Citroën-Chef Jean-Martin Folz von Saint-Gobain und vertraute dem Sanierungsexperten den Einkauf und die Entwicklung der Fahrzeug-Plattformen beider Konzernmarken an. Sein Ziel: Kosten drücken. Wegen dieser Schlüsselfunktion galt Michel als heißer Kandidat für die Nachfolge von Folz.

Doch die Familie Peugeot entschied sich anders. Seit der Berufung von Christian Streiff an die Konzernspitze galt als sicher, dass Michel früher oder später wechseln würde. Und auch der FSI dürfte für ihn nur eine Zwischenstation sein - um eines Tages die Leitung eines Großkonzerns zu übernehmen.

Gilles Michel

1956 Er wird am 10. Januar in Marseille geboren. Gilles Michel macht später seinen Abschluss an der Ecole Nationale de la statistique et de l'administration économique (Ensae), am Institut d'études politiques de Paris (IEP) und der Eliteschmiede Polytechnique. Er startet 1982 bei der Weltbank.

1986 Er wechselt zum Baustoffkonzern Saint-Gobain, wo er zuletzt Chef einer US-Tochter wird.

2002 Er geht zum Autokonzern Peugeot-Citroën, wo er 2007 Chef der Marke Citroën wird.

2008 Michel wird Chef des französischen Staatsfonds FSI (Fonds Stratégique d'Investissement).

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%