Giuseppe Vita
Preußischer Sizilianer

Giuseppe Vita liebt die Harmonie. Nun weicht der Doktor der Medizin und Multiaufsichtsrat dem Druck des Großaktionärs Permira und tritt bei Hugo Boss ab. Sein Name ist aufs Engste mit dem Umbau von Schering verbunden.

BERLIN. Der Anruf kommt am Spätnachmittag. Giuseppe Vita greift er in der postmodernen Berliner Zentrale zum Telefon, Calpers am Apparat. Ein Vertreter des Milliarden Dollar schweren Pensionsfonds aus Kalifornien teilt dem Schering-Chef unverblümt mit: „Wir sind mit der Performance unzufrieden!“ Der Anruf bleibt ohne Folgen. Das ist 1995.

Fast 13 Jahre später macht der gebürtige Sizilianer erneut unangenehme Bekanntschaft mit einem Finanzinvestor. Diesmal ist es Permira. Diesmal spielt die Szene im württembergischen Metzingen – und diesmal verliert Vita.

Am heutigen Montag gibt er seinen Posten als Aufsichtsratschef des Modekonzerns Hugo Boss auf. Er weicht dem Druck des neuen Großaktionärs. Permira zieht 450 Millionen Euro Dividende ab. Dafür muss sich das Unternehmen hoch verschulden.

Zu hoch, meint Vita. Doch der kleine Mann mit den wachen Augen gehört nicht zu der Sorte Aufsichtsräte, die mit der Faust auf den Tisch schlagen. Deshalb wirft der 73-jährige Berufsaufseher sein Amt nicht einfach hin. Deshalb muss er auch noch eine turbulente Hauptversammlung im Mai überstehen, wo er sich als Lügner beschimpfen lassen darf.

Ausgerechnet dieser zurückhaltende, eher unscheinbare kleine Mann, dem die Rolle eines Sizilianers mit preußischen Tugenden wie auf den Leib geschrieben scheint. Der Doktor der Medizin, Röntgenspezialist, Ex-Pharmamanager, Berufsfirmenaufseher und Berlin-Fan liebt den Ausgleich, die Harmonie. Anstand bis zum bitteren Ende. „Dies ist ein guter Zeitpunkt für einen Wechsel“, gibt er seinem Nachfolger bei Hugo Boss mit auf den Weg. Er hätte auch schweigen können.

Leise spricht Vita, die Worte wählt er mit Bedacht. Ein fein gepflegter italienischer Akzent trotz seiner vier Jahrzehnte Deutschland vermittelt einen nachdenklichen Gesprächspartner. Nur: In den vergangenen Jahren waren andere Qualitäten gefragt – nicht nur bei Hugo Boss.

Vita ist Opernliebhaber

Auch beim Axel Springer Verlag, dessen Aufsichtsrat Vita seit sieben Jahren führt, vermissten Beobachter zuletzt die starke Hand eines starken Kontrolleurs. „Der Vorstand versenkt 600 Millionen Euro, gibt auch noch einen Fehler zu. Und was machen der Aufsichtsratschef und seine Überwachungstruppe?“ Das fragt nicht nur Manuel René Theisen, Wirtschaftsprofessor und Corporate-Governance-Experte an der LMU München und meint das Desaster mit dem Briefdienstleister Pin-Gruppe. Vita hätte zumindest Schadensersatzansprüche prüfen müssen, sagt Theisen.

Vita ist Opernliebhaber und ein Freund klassischer Musik, was nicht überrascht. Zum Glück wohnt er zur Hälfte in Berlin, zur anderen in Mailand. Dass der stille und zurückhaltende Mann aber einst zu den wichtigsten deutschen Konzernführern zählte, überrascht schon eher. Von diesem Ruhm zehrt Vita.

Sein Name ist aufs Engste mit dem Umbau von Schering verbunden. Vita übernimmt 1989 den Vorstandsvorsitz und stellt den damaligen Mischkonzern auf den Kopf. Lange bevor viele deutsche Manager wissen, was Konzentration aufs Kerngeschäft bedeuten könnte, verkauft er Chemie, Labortechnik, bringt den Pflanzenschutz in ein Joint Venture ein. Alles, was nicht Empfängnisverhütung oder Diagnostik ist, muss weg. Der Chemie- und Pharmakonzern Hoechst kopierte dieses Modell – erst viele Jahre später.

Dem radikalen, aber geräuschlosen Schering-Umbau folgen ruhige Jahre für Vita mit seinem kleinen, aber feinen Pharmakonzern, der immer wieder im Mittelpunkt wüster Übernahmespekulationen steht, weil es keinen schützenden Großaktionär gibt. Der Anruf von Calpers ist für ihn deshalb ein „Signal“, hat Vita später einmal bekannt.

Seitdem ist ihm klar, dass Schering auf der Jagdliste steht. Ein Jahrzehnt später ist es so weit. Vita kapituliert mit seinem Lebenswerk vor der aggressiven Konkurrenz. Erst startet der deutsche Wettbewerber Merck ein feindliches Kaufangebot. Dann steigt Bayer als weißer Ritter ein – und siegt.

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