GM-Chef steht vor Desaster
Schwere Tage für Rick Wagoner

Ob das gerade signierte Teil eines Chevy Camaro das Abschiedsgeschenk für seinen Chef Rick Wagoner ist? Die Frage findet GM-Produktionsvorstand Bob Lutz nicht zum Lachen. Auch Wagoner selbst ist die Anspannung auf der Genfer Automesse im März anzumerken.

PORTLAND. General Motors sei auf einem guten Weg in die Zukunft, sagt er optimistisch. Ob Wagoner diese Zukunft noch mitgestalten wird, könnte sich schnell entscheiden. Stoppt bei GM auf Grund eines erwarteten Streiks bei der insolventen Tochter Delphi die Produktion, dürfte dies sein Aus bedeuten.

Sein Ruf ist bereits stark beschädigt. Nicht nur außerhalb des Konzerns: Auch der Verwaltungsrat, in dem seit Februar auch der Sanierungsexperte Jerry York sitzt, zeigt Ungeduld. York ist Berater des Casino-Milliardärs Kirk Kerkorian, der knapp ein Zehntel der GM-Aktien hält. York war es auch, der Anfang des Jahres öffentlich zu einer massiven Kritik an der Konzernstrategie anhob. Auch dass der Verwaltungsrat nun untersuchen lässt, wie es bei GM neben dem operativen Desaster zu zahlreichen Bilanzierungsfehlern kommen konnte, kann dem Konzernchef unter dem Strich nur schaden.

Außerhalb des Unternehmens werden noch deutlichere Worte gesprochen: „Es ist unausweichlich, dass sich der Verwaltungsrat mit einer Ablösung Wagoners beschäftigt“, fordert Gerald Meyers, als ehemaliger Automanager und heutiger Wirtschaftsprofessor in Michigan eine Stimme, die in der Branche Gehör findet. Wagoners Führungsstärke sei weggebröckelt, die Milliardenverluste würden durch die Bilanzfehler noch überboten. Ob er es schaffen kann, GM aus der Krise zu führen, bezweifeln viele. Er ist unter den Mitarbeitern nicht gerade als mitreißender Enthusiast verschrien. Seit über zehn Jahren trägt der spröde Wagoner bereits Verantwortung, nachdem er 1992 mit gerade einmal 39 Jahren der jüngste Finanzchef in der Geschichte des Autokonzerns geworden ist, zwischenzeitlich das Nordamerika- und das weltweite operative Geschäft verantwortet hat, bis er schließlich im Juni 2000 ganz an die Spitze vorgestoßen ist.

Seither ist der Marktanteil in den USA auf den tiefsten Stand seit der Depression gefallen, Ratingagenturen haben die Bonität tief in den Keller der Ramschanleihen gestuft, und an der Börse ist Motorradhersteller Harley-Davidson heute mehr wert als der weltgrößte Autobauer.

Dass der Verwaltungsrat trotzdem so lange geduldig blieb, liegt auch daran, dass Wagoner als Vorsitzender die Agenda kontrolliert. Außerdem ist für den 53-Jährigen so leicht kein adäquater Ersatz zu finden. Wunschkandidaten wie Daimler-Chrysler-Chef Dieter Zetsche werden angesichts der desolaten Lage bei GM wohl kaum zu einem Wechsel zu bewegen sein.

Dabei hat Wagoner auf einigen Gebieten Fortschritte erzielt. Er handelte mit der mächtigen Gewerkschaft UAW eine höhere Beteiligung der Beschäftigten an den Soziallasten aus, verkündete die Reduzierung der Jahreskapazität um eine Million Autos und den Abbau von 30 000 Stellen. Schließlich einigte er sich mit UAW und Delphi auf ein Abfindungsprogramm für Tausende Arbeitnehmer. Und schließlich gelingt ihm nun der Verkauf von GMAC.

All das könnte umsonst sein: Kommt es bei Delphi zum langen Streik, könnte dieser GM in die Insolvenz reißen, glauben viele Analysten. Wagoner würde damit als erster Vorstandschef der US-Geschichte eingehen, der ein nationales Autodenkmal in die Pleite gesteuert hat.

Quelle: Handelsblatt
Jens Eckhardt
Handelsblatt / Korrespondent
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