Grässlin gegen Schrempp
Jürgen David gegen Jürgen Goliath

Bei Daimler-Chrysler hat das Aufräumen nach den Schrempp-Jahren erst begonnen, auch weil dessen erbittertster Gegner nicht locker lässt. Eine Handelsblatt-Reportage über einen Gerichtstermin von vielen.

HAMBURG. David ist ohne seine Steinschleuder gekommen zur nächsten Runde im Kampf gegen Goliath. Seinen 304-seitigen Bestseller „Das Daimler-Desaster“ hat Jürgen Grässlin nicht dabei, als er im Landgericht Hamburg vor Saal 883 ankommt. Dafür hat Grässlin ein Lächeln mitgebracht für alle und jeden, gespeist wohl aus der Überzeugung, Recht zu haben und Recht zu bekommen – spätestens vor dem Bundesverfassungsgericht.

Goliath ist daheim geblieben. Verklagt worden ist Grässlin von Jürgen Schrempp, bis vor vier Wochen Chef von Daimler-Chrysler, und von dessen Ex-Konzern, Jahresumsatz 2004: 142 Milliarden Euro. Grässlin arbeitet als Lehrer. Schrempp lässt sich von Christian Schertz vertreten. Der ließ sich für seine Webseite von Jim Rakete ablichten, dem Starfotografen, der Stars fotografiert, wie Staranwalt Schertz sie vertritt. Nachher vertritt Schertz an diesem Tag noch Karstadt-Boss Thomas Middelhoff.

Schrempp gegen Grässlin, Aktenzeichen 324 O 715/05: nur eine Neuauflage des epischen „Klein gegen Groß“, von dem Bibel und Fußballgeschichte berichten, dass es des öfteren überraschend endet? Nicht ganz.

Der Rechtsstreit zwischen Jürgen und Jürgen ist auch eine Baustelle bei den Aufräumarbeiten, die der abrupte Abgang von Schrempp Daimler-Chrysler aufzwingt.

Ein Stachel im Fleisch zu sein von Schrempp und Daimler ist längst so etwas wie eine Lebensaufgabe für Jürgen Grässlin. Vor 15 Jahren schon lernte der Pazifist Jürgen Schrempp kennen, als er die Daimler-Tochter Dasa wegen ihrer Waffenproduktion angeht. Schrempp ist Dasa-Chef, und nach Hauptversammlungen steigt er herunter vom Podium und diskutiert mit Grässlin, der wie er aus Freiburg stammt, weiter. Nun kennt man sich. Als Schrempp 1995 Boss bei Daimler-Benz wird, lässt er Grässlin seine Biografie schreiben. Titel: „Jürgen E. Schrempp – Der Herr der Sterne“. Darin oszilliert Grässlin zwischen Bewunderung und Verachtung für sein Sujet. Das Buch erscheint kurz nach der Übernahme von Chrysler durch Daimler und wird ein Bestseller. Aber Schrempp gefällt es wohl nicht: Er bricht den Kontakt zu Grässlin ab.

Dem kommt zupass, dass die Bilanz Schrempps als Daimler-Chrysler-Chef schlechter und schlechter wird. Verluste bei Chrysler, Ausstieg bei Mitsubishi, Rückrufe Hunderttausender Mercedes-Fahrzeuge, Flops bei Smart und Maybach. Der Aktienkurs, den Schrempp zum wichtigsten Erfolgskriterium erklärt hat, fällt zwischenzeitlich um fast 75 Prozent: Die „Welt AG“, die Schrempp ausgerufen hat, saust in die Leitplanke.

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