Grafitspezialisten
Weicher Kern in harter Schale

Was ist los beim Grafitspezialisten SGL Carbon? Schon der zweite Vorstand in nur vier Monaten verlässt den Wiesbadener MDax-Konzern, die Börse ist verunsichert, der Kurs fällt. Doch Firmenchef Robert J. Koehler will von einer Führungskrise nichts wissen. Dennoch bleibt der Fall rätselhaft.

DÜSSELDORF. "Beide Personalien haben nichts miteinander zu tun, der kurze Zeitabstand ist unangenehm, aber zufällig", raunt Koehler, der gerade in Schottland unterwegs ist, ins Telefon. Alles andere sei Unfug.

Seit 1992 steht der gebürtige Münchener an der Spitze von SGL. "RJK", wie Koehler intern genannt wird, ist damit länger im Amt als jeder andere Chef eines Dax- und MDax-Konzerns. Das J steht übrigens für den Evangelisten Johannes, denn der 59-Jährige stammt aus einem katholischen Umfeld. Auch politisch gilt der Betriebswirt als stramm konservativ.

In diesen 16 Jahren hat der klein gewachsene Mann, den einstige Weggefährten als mitunter "aufbrausend", aber "charismatisch" beschreiben, Höhen und Tiefen erlebt. SGL gehörte früher zu Hoechst und kam 1995, noch vor der Zerschlagung des Frankfurter Chemie- und Pharmakonzerns, als eigenständiges Unternehmen an die Börse. Die Begeisterung der Investoren kennt anfangs keine Grenzen, der Aktienkurs schießt bis 1997 auf knapp 100 Euro. Koehler, der alles daransetzt, das Vermögen seiner Aktionäre zu mehren, sonnt sich im Erfolg. Doch schon bald folgt der Absturz. Operativ rutscht SGL tief in die roten Zahlen. Und der zunehmend dünnhäutige Chef fällt bei Analysten mit viel zu optimistischen Prognosen in Ungnade.

Im Jahr 2003 steht das Unternehmen am Rand der Pleite. Koehler, der sich stets mehr als Unternehmer denn als angestellter Manager sieht, greift durch: Um sein Lebenswerk zu retten, verkauft er defizitäre Randgeschäfte, schließt Standorte und trennt sich von Managern.

Die Wende ist 2007 geschafft. SGL wächst wieder zweistellig bei steigender Rendite. Für 2008 peilt das Unternehmen 1,6 Milliarden Euro Umsatz und ein operatives Ergebnis von 300 Millionen Euro an. Für Technologie-Vorstand Hariolf Kottmann und Ex-Finanzchef Sten Daugaard ist dies gewiss kein Grund, vorzeitig zu gehen. Vielleicht doch der mitunter autoritäre Führungsstil des Chefs? Dazu sagt er selbst nichts. "Ich bedauere, dass ich zwei Topleute verliere. Aber", so fügt er an: "Wir haben die Nachfolge reibungslos geregelt." Den Wechsel des promovierten Chemikers Kottmann zum Schweizer Spezialchemiekonzern Clariant kann er verstehen. Die Chance, dort die Nummer eins zu werden, sei einfach verlockend gewesen. Auch auf Daugaard lässt Koehler nichts kommen. Doch für Außenstehende bleibt der Fall unklar. Der Däne hatte im Juni aus persönlichen Gründen um die Auflösung seines Vertrags gebeten - und fing im Juli beim dänischen Lego-Konzern an.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Teamleiter Sport
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