Großer Test 2012
Chefs im Rhetorik-Check: Von Klartext weit entfernt

Alle DAX-30-Chefs zeigten sich auf den Hauptversammlung 2012. Doch wer hat die beste Rede an die Aktionäre geliefert? Handelsblatt und die Uni Hohenheim machen den Rhetorik-Check - mit überraschendem Ergebnis.
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Statt Klartext sprechen Deutschlands Topmanager auf den Jahreshauptversammlungen der Aktionäre von "Nettofinanzschulden", "diversifizierten Industriekonzepten" und "Desinvestitionsprogrammen".

"Diese Vorstandsvorsitzenden verspielen ihre Chance, die allgemeine Öffentlichkeit zu überzeugen. Sie konzentrieren sich in ihrer Ansprache zu sehr auf die Analysten und Wirtschaftsjournalisten", sagt Frank Brettschneider. Er ist Leiter des Fachgebiets Kommunikationstheorie an der Uni Hohenheim. Der Sprachwissenschaftler hat exklusiv für das Handelsblatt die Reden aller 30 Dax-Konzernchefs auf ihren diesjährigen Hauptversammlungen auf Verständlichkeit analysiert.

Sein ernüchterndes Fazit: Konzernlenker bedeutet keineswegs Spitzen-Rhetoriker, der Aktionäre gekonnt informiert, idealerweise sogar überzeugt und mitreißt. Ganz im Gegenteil. Insgesamt neun der Dax-30-Chefs schneiden in Sachen "Verständlichkeit" sehr schlecht ab.

Auf dem letzten Platz landete Wolfgang Reitzle. Schon nach wenigen Minuten kamen etliche der anwesenden Aktionäre auf der Hauptversammlung der Linde AG nicht mehr so richtig mit. Sie hatten Mühe, den Worten des Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Reitzle zu folgen. Was zum einen daran lag, dass Reitzle bei seiner 34-minütigen Rede im Münchener Congress Center sehr schnell sprach. Vor allem aber bildete er viele lange und verschachtelte Sätze. Jeder fünfte Satz war länger als 20 Wörter. Zum Vergleich: In verständlichen Radionachrichten haben Sätze nicht mehr als sieben Wörter.

In einem Fall reihte Reitzle sogar 48 Wörter aneinander. Und die meisten davon auch noch abstrakt und schwer verständlich wie "dynamischer Verschuldungsgrad" oder "ertragsorientierte Dividendenpolitik", so dass die Zuhörer manchmal nicht mehr so genau wussten, was der Vorstandsvorsitzende denn genau ausdrücken wollte. Da halfen auch die insgesamt 127 Powerpoint-Einblendungen auf der Großleinwand hinter dem Redner nicht.

Nicht überraschend also, dass der Redner Reitzle beim "Fass-dich-Kurz-Index" null Punkte erzielte. "Dieser ist aber besonders wichtig, um Zuhörer nicht mit Informationen zu überfordern", sagt Frank Brettschneider.

Ob Abschiedsreden wie von Josef Ackermann oder Jürgen Großmann, Premieren wie die des neuen Metro-Lenkers Olaf Koch und des neuen Thyssen-Krupp-Chefs Heinrich Hiesinger oder Blut-Schweiß-und-Tränen-Ansprachen, wie sie Commerzbank-Vorstand Martin Blessing halten musste - stets ist die Wortwahl zu schwülstig, der Satzbau zu kompliziert und der Anteil von Fremdwörtern und Fachjargon zu hoch.

Kommentare zu " Großer Test 2012: Chefs im Rhetorik-Check: Von Klartext weit entfernt"

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  • hier die beste Rede auf youtube http://www.youtube.com/watch?v=Ri-SYsLJIDI&feature=plcp
    für all die, die sich einen eigenen Eindruck verschaffen wollen. Ich finde das Ranking nachvollziehbar, René Obermann kommt wirklich authentisch rüber.

  • Hatte am Seminar fuer Allgemeine Rhetorik der Uni Tuebingen niemand Zeit? Schade.

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