Haftungsrisiko für Aufsichtsräte
Auch Aufseher haben Angst

Kein Manager lehnt einen Posten im Aufsichtsrat ab, nur weil er sich davor fürchtet, womöglich auch haften zu müssen. Vor gut zwei Jahren war Christine Stimpel – die designierte Chefin der Personalberatung Heidrick & Struggles – davon noch fest überzeugt. Doch das hat sich überraschend schnell geändert.

DÜSSELDORF. „Die Eitelkeit hört irgendwann mal auf“, beobachtet Karl-Friedrich Raible, Berater der Managementberatung Kienbaum. Und zwar spätestens dann, wenn Kandidaten ahnen, dass ihnen der Boden definitiv zu heiß werden könnte und sie womöglich ihr Vermögen riskieren würden. Die Anforderungen an Unternehmens-Kontrolleure sind gestiegen, die Finanzmarktregeln zum Schutz der Aktionäre verlangen ihnen immer mehr ab.

Auch insgesamt ist das Haftungsrisiko für Aufsichtsräte gewachsen. Nicht nur weil Aktionärsklagen drohen. Sondern auch, weil sie trotz D&O-Versicherung, einer Managerhaftpflichtversicherung, mit einem Selbstbehalt haften würden. Oder weil die D&O-Versicherung am Ende wegen vieler Ausschlüsse nicht zahlt oder vom Versicherer sogar nach dem Schadensfall angefochten wird.

Noch riskanter wird der Job, wenn sich das Unternehmen am amerikanischen Markt engagiert. Aus dem Grund trat bereits ein Aufsichtsrat hier zu Lande zurück – und zwar geschlossen. Es handelte sich um den des Bioinformatikunternehmens Lion Bioscience. Die Zurücktretenden waren keine Geringeren als Jürgen Dormann und Klaus Pohle, beide Ex-Vorstände von Schering, und Richard Roy, Ex-Microsoft-Chef. Die D&O-Versicherung hätte die Firma zehn Prozent vom Umsatz gekostet. Und das bedeutete „zu hohe Prämie im Verhältnis zum gebotenen Schutz“, urteilt Michael Hendricks, Jurist und Experte für Managerhaftpflichtversicherungen in Düsseldorf.

Kienbaum-Geschäftsführer Alexander von Preen berichtet: „Ich habe inzwischen mehrere Fälle in großen wie kleinen Aktiengesellschaften erlebt, wo Kandidaten den Job des Aufsichtsrats aus Furcht vor möglicher Haftung nicht ausüben wollten.“ Der Trend ist deutlich. Die Zeit der Rücksichtnahmen und der Good-old-Boys-Netzwerke nach der Devise „Du bist Aufsichtsrat bei mir, und ich bei dir“ geht dem Ende zu. Dieses Fazit zieht von Preen aus der „Aufsichtsratsstudie 2006“ von Kienbaum, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Befragt wurden hierfür 1  500 Unternehmen aller Größen.

Ein anderer Trend geht – so Raible – zur Verkleinerung der Gremien. Noch haben 19 der Dax-30-Unternehmen 20 Mitglieder. „Mit der Folge, dass bei den Sitzungen statt konstruktiver gemeinsamer Arbeit eher Monologe stattfinden.“

Weitere, repräsentative Ergebnisse: Im Schnitt bekommt jeder zweite Aufsichtsräte in Deutschland unter 10  000 Euro im Jahr. Ganz anders bei den Dax-30-Aufsichtsräten: Im Schnitt erhalten deren Vorsitzende 211  000 Euro, das einzelne Mitglied 90  000 im Jahr. Linde zum Beispiel zahlt den Aufsichtsräten ein fixes Gehalt. Diese Methode ist – so der Studienverantwortliche Raible – auch die beste: „Auch wenn eine Firma kriselt und Aufsichtsräte mehr zu tun haben, sollte man sie nicht mit niedrigeren Bezügen bestrafen.“

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