Handelsblatt-Redakteur Christian Herchenröder
Schule des Sehens

Er ist die graue Eminenz des internationalen Kunsthandels. Nicht weil er Kleidung in gedeckten Farben bevorzugt, sondern weil Christian Herchenröder immer den Beobachterposten wählt und nicht den bei Selbstdarstellern so beliebten großen Auftritt. Handelsblatt-Kunstexperte Christian Herchenröder wird für sein Lebenswerk geehrt.

sds DÜSSELDORF. So vornehm zurückhaltend der langjährige Handelsblatt-Redakteur im persönlichen Umgang ist, so investigativ sind seine Recherchen in dem von finanziellen Interessen getriebenen Kunstmarkt. Nicht erst seit in den neunziger Jahren Aquarelle von Alexej Jawlensky aus dubioser Provenienz den Markt überschwemmten, warnt er vor Fälschungen. Das brachte ihm wiederholt massive Drohungen ein.

Für sein Lebenswerk zeichnet die Kunst-Messe München den Journalisten und Buchautor Herchenröder, der immer noch für das Handelsblatt schreibt, am heutigen Freitag mit dem „pro arte-Preis“ aus. Die mit 5 000 Euro dotierte Auszeichnung wird zum dritten Mal von der ältesten deutschen Kunst- und Antiquitätenmesse vergeben.

1942 in Essen geboren, studierte Christian Herchenröder Kunstgeschichte und Musik. Nach drei Jahren als freier Journalist leitete er von 1970 bis 2003 das Kunstmarkt-Ressort im Handelsblatt. Die bis dato sporadischen Handelsblatt-Artikel aus der Welt der Kunst brachte er auf den Erscheinungsrhythmus Dienstag und Freitag. Kritische Auktionsanalysen und die neu eingeführten Berichte zur Preisentwicklung in wichtigen Sammelgebieten haben den Kunstmarkt im Handelsblatt zum Leitmedium der Branche gemacht, weil sie auf Kennerschaft beruhen und nicht auf der PR-Maschinerie der Versteigerungshäuser.

Mit seinen Büchern und Artikeln hat der unablässig forschende, bücherbesessene Kunstkenner Herchenröder eine „Schule des Sehens“ etabliert. So trifft man immer wieder Sammler, die vergnügt erzählen, wie seine Berichte, etwa über Altmeister-Zeichnungen, die eigene Passion geweckt und schließlich ihr Auge geschärft hätten. „Auf Herchenröders mit Sachkenntnis durchsetzte Kritik oder Überblicksartikel haben sich die Sammler förmlich gestürzt“, erinnert sich Ernst Beyeler, Galerist aus Basel und Gründer des Museums Fondation Beyeler.

Sowenig Herchenröder in der Kleidung den Moden folgt, so sehr warnt er vor einer Verengung des Blicks auf das Marktgängige. Denn die Kunst und ihre Rezeption leben in Zyklen. Und am günstigsten kauft, wer antizyklisch handelt.

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