Handelsblatt-Report
Der politische Unternehmer

Deutsche Vorstandschefs interessieren sich für ihre Bilanzen und ihre Bankkonten. Für sonst wenig. Sie spielen Golf. Dienstwagen, persönliche Fahrer, Aktenträger, alle Statusfragen sind für sie Existenzfragen. Sie haben sich hochgedient, jetzt erwarten sie Gehorsam.

ESSEN. Sie packen lieber einmal zu brutal zu, als einmal zu weich. Wenn sie genötigt werden, eine schlechte Eigenschaft von sich zu nennen, fällt ihnen immer die Vokabel „ungeduldig“ ein. So sind deutsche Vorstandsvorsitzende. Sie gleichen einander wie ein Ei dem anderen.

Unsinn.

Während sich draußen, jenseits der Panoramascheiben des 21. Stocks, ein wunderbarer Herbstmorgen entfaltet, winkt Werner Müller den Besucher herein. Noch telefoniert er. Klaviermusik plätschert durch den großen Eckraum, es sind Sonaten von Scarlatti. Unterhaltsam, aber technisch schwierig. Horowitz hat sie gespielt, Werner Müller tut es gelegentlich auch.

Sein Schreibtisch ist groß und fast leer, bis auf zwei dicke Bücher (ein Werk über die Hüls-Chemie sowie ein Bildband über Schornsteine) und 20 rosafarbene Rosen. „Ja, Herr Starzacher“, sagt Werner Müller und verabschiedet sich. Das Raumthermometer zeigt gleich bleibend 24 Grad an.

Der Vorstandschef der RAG, die früher einmal Ruhrkohle hieß und deren Daseinszweck die Gewinnung von Steinkohle war, hat’s gerne schön warm. Er trägt eine Weste und wirkt nicht gerade wie ein harter Kerl. Beim Gehen wackelt der ganze schlanke Mann, und sein Oberkörper ist immer nach vorne gebeugt, so als habe er das Strammstehen nie gelernt. Leise spricht Werner Müller und langsam mit vollen Genusslippen. Er sagt Sätze wie „Die Null ist ein Messer ohne Griff, dem die Klinge fehlt“ oder „Ich habe kein Manuskript, deshalb weiß ich nicht so genau, was ich sagen werde“. Der erste ist ein Zitat des Aphoristikers Georg Christoph Lichtenberg, der zweite Müllers Art zu scherzen. Einen Doktortitel hat er auch, in Sprachwissenschaften.

Kann so einer der Vorstandsvorsitzende eines der größten deutschen Unternehmen sein, mit über 80 000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 15 Milliarden Euro?

„Herr Starzacher“, Karl, sein Vorgänger und Gesprächspartner am Telefon, ist zum 31. Mai aus dem Unternehmen ausgeschieden. Die Anteilseigner trauten ihm offensichtlich nicht den kompletten Umbau des Konzerns zu. Denn genau darum geht es. Die RAG wird, wenn Müller mit ihr fertig ist, völlig anders aussehen als heute, sie wird voraussichtlich nicht einmal mehr so heißen.

„Leute, die sagen, Werner Müller ist kein Alpha-Tier, haben in gewisser Weise Recht“, sagt Bernd Stoy, der den RAG-Chef seit 30 Jahren kennt. „Aber“, fügt Stoy wie warnend hinzu, „wenn er von einer Sache überzeugt ist, dann geht er früher oder später durch die Wand. Wer Werner Müller unterschätzt, kann bitter dafür bezahlen.“

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