Handelsblatt Rhetorik-Check
RWE-Chef Terium langweilt am wenigsten

Die Hälfte der Chefs der 30 größten deutschen Aktiengesellschaften haben auf der Hauptversammlung zu ihren Anteilseignern gesprochen. Das Ergebnis überrascht: Es gibt einen neuen Champion im Redner-Ring.
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DüsseldorfEs gibt einen überraschenden neuen Champion im Redner-Ring: Der Niederländer Peter Terium, seit knapp zwei Jahren Vorstandsvorsitzender des Energiekonzerns RWE, zeigt den Chefs der 30 größten deutschen Konzerne, wie ein verständlicher und rhetorisch überzeugender Auftritt vor den Aktionären aussieht. Zur Halbzeit der aktuellen Hauptversammlungs-Saison führt der 50-jährige gelernte Steuerprüfer das exklusive Rhetorik-Ranking des Handelsblatts mit neuen Bestwerten an.

Wer den Niederländer einmal selbst gesehen hat, weiß, dass er in Eloquenz und Lebhaftigkeit nicht an die Lenker der großen US-Unternehmen herankommt. Aber immerhin, er versucht, zu überraschen. Für seinen Auftritt in der Essener Gruga-Halle hat Terium einen – wie er selbst sagte - „unkonventionellen“ Einstieg gewählt: Nur mit einem iPad in der Hand demonstrierte der RWE-Chef zunächst auf der Bühne, wie sich mit dem neuen Produkt „Smart Home“ die Heizung fernsteuern lässt oder der Nutzer gewarnt wird, falls zuhause ein Fenster in seiner Abwesenheit geöffnet wird. Terium versuchte so gleich zu Anfang seiner Hauptversammlungsrede auf eine der drängendsten Fragen der Aktionäre einzugehen: Wie geht es nach der Unternehmenskrise weiter? Und wie kann sich der frühere Kohlekonzern neue Geschäftsmodelle als Dienstleister der Energiewende erschließen?

Daran ausgerichtet, hielt Terium dann am Pult stehend und mit Manuskript seine klar gegliederte Rede, „die auch für eine breite Öffentlichkeit sehr gut verständlich war“, wie Frank Brettschneider bescheinigt, Kommunikationswissenschaftler von der Uni Hohenheim. Denn der Niederländer langweilte sein Publikum weder mit Worthülsen, noch überforderte er es mit Monster-Sätzen, Fachbegriffen oder Anglizismen, wie es etliche seiner Amtskollegen noch immer tun und somit laut Brettschneider „die einmalige Chance im Jahr verspielen, Anteilseigner von ihrer Strategie und neuen Ideen oder auch von einem notwendigen Kurswechsel zu überzeugen - von künftigen Anlegern, Politikern oder anderen Zuhörern jenseits von Analysten und anderen Fachleuten ganz zu schweigen.“

Negativbeispiel dafür ist der aktuelle Tabellenletzte: Allianz-Chef Michael Diekmann. „Diekmanns Rede lässt erneut die einfachsten Verständlichkeitsregeln außer Acht“, sagt Brettschneider. „Der Manager hat sich offenbar nicht an eine breite Öffentlichkeit gewendet, sondern lediglich an ein Fachpublikum. Dabei wäre doch angesichts des Vertrauensverlustes gerade in der Finanzbranche besonders große Transparenz nötig.“ Doch stattdessen verschleiern Diekmanns endlose und umständliche Passivsätze die Verantwortlichen. „Außerdem sind endlos lange Sätze und der Fachjargon in seiner Rede weitere Verständlichkeitshürden“, bemängelt Brettschneider am Auftritt des kühlen Ostwestfalen.
Der Kommunikationswissenschaftler ermittelt seit 2012 jedes Jahr für das Handelsblatt, wie verständlich die Reden der Vorstandschefs der größten börsennotierten Unternehmen ausfallen. Brettschneiders Computerprogramm prüft dazu jeweils Satzbau, Fremdwortanteil, Abstraktheitsgrad, Wort- und Satzlängen und bewertet dann jede Rede auf einer Verständlichkeitsskala. Bislang reichte diese von Null - der Vortrag ist etwa so unverständlich für den Durchschnittsbürger wie eine Doktorarbeit bis 10 - das entspricht dem besonders hohen Verständlichkeitsgrad von Radionachrichten.

Kommentare zu " Handelsblatt Rhetorik-Check: RWE-Chef Terium langweilt am wenigsten"

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  • Was hilft die beste Rethorik, wenn man den falschen Inhalt (Geschäftmodelle) vermittelt und das alte Geschäftsmodell schlecht redet?!
    Kohle, Gas und Kernkraftwerke werden weltweit weiterhin gute Ergebnisse für Betreiber und Verbraucher einfahren. Und RWE tut gerade so, als ob es ein Fortschritt wäre, dieses Geschäftsmodell "Kraftwerke" fallen zu lassen und statt dessen von einer "Industrie Hochtechnologie Burg" in die Niederungen der IT-Dienstleistung herab zu steigen.
    Erschreckend wie dieser Manager RWE an den grünsozialistischen Erneuerbaren Energie Politikgeist (Ideologie) verkauft hat.

  • Was hilft die beste Rethorik, wenn man den falschen Inhalt (Geschäftmodelle) vermittelt und das alte Geschäftsmodell schlecht redet?!
    Kohle, Gas und Kernkraftwerke werden weltweit weiterhin gute Ergebnisse für Betreiber und Verbraucher einfahren. Und RWE tut gerade so, als ob es ein Fortschritt wäre, dieses Geschäftsmodell "Kraftwerke" fallen zu lassen und statt dessen von einer "Industrie Hochtechnologie Burg" in die Niederungen der IT-Dienstleistung herab zu steigen.
    Erschreckend wie dieser Manager RWE an den grünsozialistischen Erneuerbaren Energie Politikgeist (Ideologie) verkauft hat.

  • Und der Beste wird nicht bewertet, "weil er auf der Hauptversammlung komplett frei spricht und kein Manuskript zur Analyse vorlegen kann." Oder um es mit einer bekannten Talkshow zu sagen: "Wenn Theorie auf Wirklichkeit trifft"

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