Handelsblatt Serie Kunstsammler in Deutschland
Das Geheimnis hinter der Kamelhaardecke

Rik Reinking betreut Künstler, sucht Objekte für andere Sammler und kauft selbst junge Kunst sowie Ideen. Der 29-Jährige lebt in Hamburg, hat Kunstgeschichte und Jura studiert und sammelt seit seinem 16. Lebensjahr Kunst.

HAMBURG. Der weiße Regalboden könnte in einem anderen Leben Billy geheißen haben. Der Fahrradschlauch ist zweifellos vom taiwanischen Hersteller Cheng Shin und hat die Produktionsnummer 32/457-406/451. Mittig spannt sich der Schlauch quer über das weiße Brett. Auf den ersten Blick ist es Fahrradschlauch auf Regalboden.

Dann aber, mit einer Idee Geduld, verändert sich die Wahrnehmung, Weite erscheint im Schwarz des Gummis vor nacktem Weiß, wird tief wie ein Horizont, der, sich an den Rändern sanft erweiternd, Blicke fesselt. Wenn es noch immer das Wesen eines Kunstwerks sein sollte, die Sinne zu bewegen, um für Momente nur schön zu sein, dann ist „Cheng Shin Tube“, die Arbeit des 1971 in Cochem an der Mosel geborenen Künstlers Johannes Esper, zweifellos ein Stück Kunst.

„Cheng Shin Tube“ hängt an einer Wand im Neuen Museum Weserburg in Bremen. Das Objekt ist Teil der Ausstellung „66-03 – Dialog zwischen den Sammlungen Lafrenz/ Reinking“ und gehört Rik Reinking. Der ist 29 Jahre alt, lebt in Hamburg, hat Kunstgeschichte und Jura studiert, sich dabei auch mit Fragen des Urheberrechts beschäftigt und geht, sofern man landläufigen Veröffentlichungen Glauben schenken darf, ausgesprochen selten in die Disko. Denn Reinking, so heißt es und so erzählt er es, ist seit seinem 16. Lebensjahr vor allem mit einem beschäftigt: aktuelle und weitgehend unbekannte Kunst zu sammeln.

„Ich glaube an Qualität“, sagt er in seiner Hamburger Wohnung. Er trägt eine abgewetzte Jeans, einen Ralph-Lauren-Strickpulli aus der Saison 2000/2001, Puma-Turnschuhe und sieht genauso aus, wie man sich einen Hamburger Jurastudenten am Monatsende vorstellt. Aber die Zwei-Zimmer-Bude, die ist anders, Kunst an Wänden und in Ecken, darunter Werke guter alter Bekannter, Paeffgen, Franz West.

Kunst ist überall Teil des Alltags hier. Nur nicht hinter der ollen braunen Kamelhaardecke, die den Blick ins Spind verdeckt. Das ist der Ort der wahren Geheimnisse. Wenn Reinking die Decke beiseite schiebt, im Kabuff verschwindet und dann mit einem seiner besonderen Stücke in der Hand wieder hervorkommt, dann lächelt er ein unschuldiges Kinderlächeln. Kunst, das ist das Glück, immer wieder etwas Neues zu entdecken.

Seite 1:

Das Geheimnis hinter der Kamelhaardecke

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%