Handelsblatt-Serie: Wirtschaftsanwälte
Reibeisen in Robe

Sven Thomas gilt als Deutschlands bester Strafverteidiger. Zurzeit steht er Siemens-Aufsichtsratschef von Pierer in der Schmiergeld-Affäre zur Seite – Porträt eines Getriebenen.

DÜSSELDORF. Reibeisen sind Werkzeuge, mit denen geschickte Hände sogar Metall glatt schleifen können. Das einer Pfeile ähnliche Gerät wird gleichmäßig hin und her bewegt, das erzeugte Geräusch füllt knarzend den Raum. Und wenn der Vorgang gelingt, liegt das gewünschte Gebilde am Schluss formschön und kühl in der Hand. Es ist eine Mischung aus Handwerk und künstlerischer Begabung, die da zur Entfaltung kommt. Und meistens ist es ein Kraftakt.

Sven Thomas (59) ist ein Meister dieses Faches. Nur raspelt er nicht Metall, sondern Argumente klein, vornehmlich die seines Gegenübers, wobei er eben jenes Geräusch erzeugt, das man gemeinhin Reibeisenstimme nennt – sonores Timbre mit einem Schuss Kratzen. Und am Ende, wenn alles glatt läuft, hat er wieder einmal ein geschliffenes Gebilde hinbekommen: eine Verfahrenseinstellung oder, noch besser, einen Freispruch.

Thomas ist Wirtschaftsstrafverteidiger, wahrscheinlich ist er der Beste in Deutschland. Jedenfalls aber ist er der Auffälligste unter den renommierten Rauspaukern: groß, schlank, charmant, aber auch wortgewaltig, wenn es drauf ankommt – mit der Betonung auf „Gewalt“.

„Ich bin bekannt dafür, dass ich vehement verteidige“, sagt Thomas und lächelt süffisant. Zurzeit steht er Heinrich von Pierer beratend zur Seite, dem vom Schmiergeldskandal gebeutelten Siemens-Aufsichtsratschef. Wirtschaftsstrafrecht fasziniere ihn, sagt Thomas. „Das ist eine so komplexe Materie, da spielen Begriffe wie ,Wahrheit’ keine Rolle mehr.“

Eigentlich sollte er am heutigen Tag in Hamburg sein, es geht mal wieder um das Falk-Verfahren. Seinem Klienten, dem Stadtplanerben Alexander Falk, wird seit Jahren der Prozess gemacht wegen eines mutmaßlich betrügerischen Firmenverkaufs. Doch der Termin ist geplatzt, Thomas hat Zeit für ein Gespräch und für Aktenarbeit.

Kaffee und Zigaretten sind seine Treibmittel dabei, alle zehn Minuten greift er zur Marlboro. Im Aufzug, der den Besucher in den vierten Stock des weißgetünchten Düsseldorfer Bürogebäudes bringt, hängt ein Rauchverbotsschild. Natürlich stammt es nicht von ihm. „Der Aufzug ist langsam, aber das halte ich durch“, scherzt Thomas. Die schwarze Robe, seinen Kampfanzug, die ihm vor Gericht immer etwas Lauerndes verleiht, wie ein Raubtier vor dem Sprung, hat er gegen einen dunklen Geschäftsanzug getauscht.

Plädieren kann er aber auch ohne Talar. Eingerahmt von massiver Fachliteratur übt er Kritik an Staatsanwälten und Richtern. Die hätten eine perfekte humanistische Bildung, aber von den Usancen in der Wirtschaft oft keine Ahnung. „Die kapieren nicht, wie’s funktioniert.“ Ob das auch für die Siemens-Affäre gilt, lässt Thomas offen, zum Fall von Pierer will er sich nicht äußern. Er ist verschwiegen, er mag die anwaltlichen Prinzipien. Da ist er altmodisch.

Wer ihn treffen will, kann sich deshalb auch gleich abschminken, ihn bei einem der trendigen Anwaltshobbys zu beobachten. „Golf spiele ich nicht.“ Und dann – ein kleiner Seitenhieb gegen die Kollegen: „Aber da werden sie sicher genügend andere finden.“

Thomas hat dafür eine beeindruckende Mandantenliste zu bieten: Otto Graf Lambsdorff hat er vertreten in der Flick-Affäre, Klaus Esser im Mannesmann-Prozess oder Ex-Fußball-Manager Reiner Calmund, den er vom Vorwurf der Spielmanipulation befreien konnte.

Viele, die sich dem Verdacht eines voluminösen Wirtschaftsvergehens ausgesetzt sehen, vertrauen sich dem großen Grauen mit der Nikotinsucht an. Dem geht die Arbeit nicht aus. Das Strafrecht dränge sich immer häufiger in unternehmerische Prozesse, klagt Thomas – weil den Gesetzgeber eine nicht zu bremsende Regulierungswut treibe. Dass dies auch eine Folge von Skandalen wie Enron oder Worldcom ist – oder demnächst vielleicht auch Siemens – also von den Konzernen hausgemacht, will er nicht ganz abstreiten.

Und so ist Thomas ein Reisender in Sachen Recht geworden, ein Getriebener, oft ist er tagelang unterwegs, aufklärerisch und streitlustig. Das ist ja das Spannende am Strafverteidiger-Dasein: dass man vor Gericht noch seine Auftritte hat. „Ohne tiefere Kenntnis von Theaterstrukturen geht’s nicht“, gibt er zu. Nicht zuletzt deswegen sei er Strafverteidiger geworden. Im Düsseldorfer Schauspielhaus war Thomas jahrelang Stammgast, der Kunst wegen, und um von den Künstlern zu lernen.

Zu seiner eigenen Bühnenshow kutschiert ihn seit 1985 ein Fahrer im Audi A8, während er im Fond sitzt, nachdenkt, Akten anschaut – und natürlich raucht. Armer Chauffeur? „Der Fahrer hat sich bisher nicht beschwert.“ Thomas Stimmbänder indes haben sicher gelitten, wenngleich der Ton, den sie heute erzeugen, gerade eines seiner Markenzeichen ist.

Ende des Jahres wird er 60, Gedanken ans Aufhören hegt Thomas aber noch nicht. Noch besteht der Porsche-Cayenne-Fahrer auf Vollgas, weil er noch Vollgas geben kann. Das ist eines der Geheimnisse seines Erfolgs. Schnell, schlau und ein „von Arbeitswut geplagter“ sei er, sagt ein Kollege, der ihn gut kennt. Einziger Nachteil. „Er ist oft schlecht zu erreichen.“

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