Harley-Davidson
Krisenmanager für eine Legende

Von der Legende zum Sanierungsfall: Der angeschlagene US-Motorradhersteller Harley-Davidson steckt mitten in einer radikalen Neuordnung. Sein neuer Chef Keith Wandell treibt die Sanierung voran. "Ich verstehe, was harte Zeiten bedeuten," sagt er. Die Geschichte eines Außenseiters.

ATLANTA. Der neue Chef hat sich zwei Ziele gesetzt. Das erste: einen Fünfjahresplan für das strauchelnde Traditionsunternehmen zu entwickeln. Das zweite: sich ein Motorrad zu kaufen. Er hat nämlich noch keins, und das sorgte bei seinem Amtsantritt als CEO für einigen Unmut.

Denn Keith E. Wandell, 59, ist seit 1. Mai Chef von Harley-Davidson, dem legendären amerikanischen Motorradhersteller, Schöpfer von "Fat Boy" und "Captain America", jenem langgabeligen Chopper-Sondermodell, auf dem Peter Fonda in "Easy Rider" einst quer durch Amerika fuhr.

Doch im Moment hat Harley andere Sorgen. Umsatz und Gewinn sind zweistellig eingebrochen, die Zahlen für das zweite Quartal, die Wandell heute vorlegt und erstmals verantworten muss, dürften nicht besser ausfallen. "Willkommen in meiner Welt", sagt Wandell, nur ein kleines bisschen sarkastisch. "Ich habe in den letzten fünf Jahren in der Automobilindustrie gearbeitet. Ich verstehe, was harte Zeiten bedeuten."

Und so könnte sein vermeintlicher Makel auch seine große Chance sein: Keith Wandell ist ein Außenseiter im Motorradgeschäft, der erste Firmenfremde im Chefsessel von Harley seit 1986, als das Unternehmen an die Börse ging. Einige Branchenanalysten kritisierten die Personalentscheidung. Wandells Vorgänger Jim Ziemer war über 40 Jahre bei Harley, wartete schon während seines Studiums die Lastenaufzüge und arbeitete später in der Buchhaltung.

Aber Wandell wurde nicht eingekauft, um den Bikermythos zu pflegen, sondern um das 106 Jahre alte Unternehmen zu sanieren. Damit kennt er sich aus, mag er auch Nachholbedarf in Sachen Leder, Chrom und Öl haben. Wandell studierte Betriebswirtschaft an den Universitäten Ohio und Dayton. 1988 trat er dem großen Autozulieferer Johnson Controls bei und blieb dort 21 Jahre. Zuletzt verantwortete er als Chief Operating Officer einen Plan zur Kostensenkung, der in Produktionsstätten weltweit zum Einsatz kam: Die Einsparungen reichten vom Fußbodenbelag in den Fabriken über Buchhaltungssoftware bis zum Personal.

Auch Wandells neuer Arbeitgeber steht vor schweren Zeiten. Die größte Herausforderung ist die alternde Klientel. Der klassische Harley-Kunde gehört der Baby-Boomer-Generation an, den zwischen 1940 und 1960 Geborenen. Immer wieder hat Harley versucht, mit leichteren Rädern eine jüngere Zielgruppe anzusprechen, aber BMW, Honda, Yamaha und Co. waren bislang stets erfolgreicher.

Die Rezession tat ein Übriges: Die Nachfrage nach Luxusspielzeugen wie Motorrädern ging zurück. Außerdem rächte sich, dass Harley in den vergangenen Jahren gut die Hälfte seiner Maschinen gegen Kredite verkaufte, die sich häufig als wackelig erwiesen.

Derweil übt sich Keith Wandell in Optimismus: "Wir haben Potenzial für grenzenloses Wachstum." Er nannte drei Zielgruppen mit Zukunft: "die jungen Motorradfahrer, die weiblichen Motorradfahrer, die Motorradfahrer unter den ethnischen Minderheiten". Eine entsprechende Werbekampagne soll bald folgen. Genevieve Schmitt, Gründerin eines Motorradmagazins für Frauen, findet den Plan des neuen Harley-Chefs "erfrischend". Und auch Finanzanalyst Ned Douthat von der Beratungsfirma Ockham Research ist überzeugt: "Harley braucht in dieser Zeit einen guten, einfallsreichen Krisenmanager." Mit oder ohne Motorrad in der Garage.

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