Hauptversammlung
Die Leiden des Martin Blessing

Er kam, sah, und was er auch anfasste, es schien ihm zu gelingen: Martin Blessing, Chef der Commerzbank, wurde zum Lieblingsbanker der Regierung. Doch nach einem Jahr im Amt ist der 45-Jährige nicht mehr der strahlende Held, sondern Getriebener. Erstrecht heute auf der Hauptversammlung.

FRANKFURT. Über die hässliche Sache mag er nicht reden, nicht heute, nicht hier. Mag sein, diese Krise ist die schlimmste seit der Großen Depression 1929, aber er steht jetzt im Festsaal einer Brüsseler Jugendstilvilla, umgeben von Marmorsäulen und überlebensgroßen Statuen, gewaltige Kronleuchter hängen von der Decke herab, und er ist angereist, um den langjährigen Chef seiner Brüsseler Vertretung in den verdienten Ruhestand zu verabschieden. Wenigstens einen Abend lang versucht er, sich die Jahrhundertkrise vom Leib zu halten. „Sie merken an meinem Alter“, sagt Martin Blessing trocken, lässig an einem Rednerpult am Kopfende des Saals lehnend, „dass ich das eigentlich gar nicht bestätigen kann.“ Ist lang her dieses 1929, viel zu lang, als dass er es erlebt haben könnte. Die Pointe zündet, die Lacher im Saal gehören ihm. Es geht erst los.

Man habe einfach nicht gewusst, wer die Rede halten solle, sagt Blessing, ein breites Grinsen durchzieht sein Gesicht. In jeder „anständigen Behörde“ seien ja die Verantwortlichkeiten nicht ganz klar, wieso sollte es also bei der Commerzbank anders sein? Zudem habe der Vorstand jahrelang „in guter deutscher Borniertheit“ die wertvolle Arbeit seines Brüsseler Lobbyisten fast ignoriert. Nun gut, jetzt immerhin ist der Chef ja mal da. Blessing sagt nicht, dass es auch damit zu tun hat, dass das Schicksal seiner Bank gerade in den Händen einer EU-Kommissarin liegt; wie sie es sieht, hätte die Commerzbank auch ohne die Krise Probleme, sie verlangt ein Sanierungskonzept. Blessing bleibt beim Humor, es läuft gerade so gut. „Am Ende hieß es: Das soll der Chef machen“, dann beschwere sich hinterher wenigstens keiner über den Unsinn, der geredet wurde.

Ein paar der Lobbyisten und Honoratioren halten sich vor Lachen die Bäuche. Blessing strahlt. Eine Viertelstunde ist er nicht mehr der Chef von Deutschlands zweitgrößter Bank, sondern Comedian. Der Martin von nebenan. Unprätentiös, sympathisch, der Vorzeigevertreter einer neuen Bankergeneration. Nickelbrille, die Haare praktisch kurz. Er ist Mitte vierzig, aber man kann sich mühelos den Jungen vorstellen, der er mal war. Und auch den Mann, der er bis vor einem Jahr war.

Krisenfrei für einen Tag. Vielleicht liegt es an diesem Ort. Der Cercle Royal Gaulois ist ein Literaturklub, dessen Wurzeln bis 1848 zurückreichen. Pracht, Schönheit, Beständigkeit. All das, was Blessings Commerzbank nicht ist. Ferner könnte Frankfurt, die Zentrale, mit all den Problemen nicht sein.

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