Hauptversammlung
Querulant aus Leidenschaft

Der Berufsaktionär Karl-Walter Freitag gilt als Firmenschreck. Am Freitag sucht er mit angeblich nur vier eigenen Aktien in der Tasche die Hauptversammlung von Tchibo heim. Und wo der Berufs-Querulant auftaucht, ist Ärger vorprogrammiert.

HB DÜSSELDORF. Auf der Hauptversammlung des Konsumgüterkonzerns Tchibo wird es morgen weniger familiär zugehen als in den Jahren zuvor. Erstmals in der Unternehmensgeschichte wird ein Aktionär auftreten, der nicht durch Familienbande an den Konzern gebunden ist. Willkommen ist er nicht. Sein Name: Karl-Walter Freitag. Vier Aktien sollen in seinem Depot liegen – mehr nicht.

Wo Freitag auftaucht, ist Ärger vorgezeichnet. Seit knapp 40 Jahren sucht der Kölner die Hauptversammlungen von Kapitalgesellschaften heim. Dort nörgelt er, flucht, beleidigt und klagt. Sein Ziel: Geld verdienen und – als Zugabe sozusagen – die Unternehmenslenker vor versammelter Aktionärsmannschaft bloßstellen. Mit teils spektakulären Auftritten versucht er Formfehler auf Hauptversammlungen zu provozieren und damit Gründe für eine Anfechtungsklage zu erzwingen. Da der Rechtsweg langwierig ist und oftmals Unternehmensentscheidungen blockiert, bieten viele Firmen Klägern wie Freitag einen finanziellen Vergleich an. Für den Berufsaktionär ein lohnendes Geschäftsmodell. Zuletzt rüpelte er auf der Hauptversammlung der Hypo-Vereinsbank (HVB).

In Rechtsfragen kennt sich Freitag, der ein wenig Kunstgeschichte und Wirtschaft studiert hat, bestens aus. Bereits als 16-Jähriger ergreift er auf der Hauptversammlung der Busch-Jaeger Dürener Metallwerke AG das Wort. Als ihm der Aufsichtsratsvorsitzende, Hans Graf von der Goltz, mit dem Hinweis, dass Minderjährige „hier nicht reden dürfen“, ruhig stellen will, beruft sich der Teenager auf den Taschengeldparagrafen und stellt dem Grafen eine gerichtliche Klärung in Aussicht. Zwei Minuten später steht Freitag am Rednerpult.

Seither hat der Kölner, der guten Wein und alte Autos liebt, eigenen Angaben zufolge „Hunderte saubere Vergleiche geschlossen“. Freitag behakelte sich mit Mobilcom, SAP, Sanofi oder etwa Karstadt-Quelle. Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Der nächste Gegner könnte Tchibo heißen.

Freitag ist Perfektionist, Dilettantismus ist ihm zuwider. Der seit Jahren steigenden Zahl von Aktionärsklagen begegnet der König der Kläger mit Verachtung. Es fehle an Stil, sagt er. Selbst das Verfassen einfachster Schriftsätze bereite vielen Probleme. Mit diesem „Prozesspöbel“ will Freitag nichts zu tun haben. Im Rechtsstreit mit den Keramag Keramische Werke hat er seinen Anwalt beauftragt, Nebeninterventionen, „die nicht zu einer substanziellen Ergänzung“ beitragen, zurückzuweisen. Als Prozessvehikel benutzt Freitag die Metropol GmbH aus Köln.

In der Szene ist Freitag eine schillernde Persönlichkeit. Erfahrene Rechtsanwälte spielen ihn in Rollenspielen nach, um sich auf die Aktionärstreffen vorzubereiten. Ob das Tchibo hilft?

Christian Panster
Christian Panster
Handelsblatt Online / Ressortleiter Finanzen
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