Heidel-Cement-Käufer Adolf Merckle ist ein Milliardär mit zwei Gesichtern
Biedermann und Fusionsstifter

Adolf Merckle, Großaktionär von Heidelberg-Cement und in diesem Zusammenhang gerade in den Schlagzeilen, zählt zu den reichsten Menschen Deutschlands. Merckle gilt bei seinen Freunden als launiger Gutmensch. Andere Menschen sehen in ihm einen rücksichtslosen Machtmenschen, wieder andere einen fast biederen Unternehmer.

DÜSSELDORF. Unternehmen mit Namen wie Kötitzer Ledertuch- und Wachstuchwerke oder Pommersche Provinzial-Zuckersiederei könnten Satire sein oder Teil einer biederen Vorabendserie aus öffentlich-rechtlicher Produktion. Beides ist falsch, doch die Anmutung passt zum Herren über die Firmen. Adolf Merckle heißt er, ist 70 Jahre alt und gerade in den Schlagzeilen, die er sonst so meidet: Merckle will für 6,5 Milliarden Euro den Baustoffkonzern Heidel-Cement übernehmen, an dem er bereits 13 Prozent besitzt.

Wer die Geschichte des Adolf Merckle erzählen will, stößt auf zwei völlig unterschiedliche Handlungsstränge: Der eine erzählt vom bodenständigen, fast biederen Unternehmer, der zu den reichsten Menschen Deutschlands zählt. Der andere vom rücksichtslosen Machtmenschen, der vor allem sein Kapital mehren will.

Seine Freunde berichten von einem aktiven, launigen Gutmenschen, der jeden Morgen mit seinem Trecking-Rad einen Wanderweg entlangrollt, von seinem Bungalow hinab ins schwäbische Örtchen Blaubeuren, den Sitz der Firmenzentrale. Das Auto nimmt er selten, auch rühmt er sich, bis vergangenes Jahr keine Medikamente benötigt zu haben.

Die stellt er lieber her: Der Generika-Produzent Ratiopharm zählt zu seinem Reich, ebenso der Pharma-Großhändler Phoenix. Auch den Skipistenraupenhersteller Kässbohrer kontrolliert Merckle, dazu kommen Immobilien und skurrilere Beteiligungen. So gehört ihm das Schloss Hohen Luckow in Mecklenburg-Vorpommern, auf dessen Ländereien Hunderte Kühe und Schafe weiden. Mehr als 20 000 Angestellte gehören zum Merckle-Reich, das Familienvermögen taxiert das US-Magazin „Forbes“ auf drei Milliarden Euro.

Trotzdem gilt Merckle als Ausbund an Bodenständigkeit. Sein Büro soll seit den 60ern nicht neu möbliert worden sein, die Deutsche Bahn kann an ihn nur Zweite-Klasse-Karten loswerden. Der einzige bekannte Luxus, den er sich gönnt, sind ausgedehnte Reisen, zum Beispiel zum Helikopter-Skifahren nach Übersee. Mit dem Alpenverein Ulm unternehmen er und seine Frau Ruth ausgedehnte Wanderreisen.

„Wir mussten noch nie einen Mitarbeiter entlassen“, zitiert ihn die „Wirtschaftswoche“. Seinen Leuten soll es gut gehen, flexible Arbeitszeitmodelle und verlängerte Elternzeiten sind ein Musterbeispiel. Auch seine Frau Ruth, eine gelernte Krankengymnastin, sorgte sich um das Wohl der Angestellten. So holte sie eine Theologin zu Ratiopharm, die bei persönlichen Problemen zur Seite steht.

Das alles passt zu den familiären Wurzeln des Merckle-Imperiums. Sein Vater Ludwig führte die 1881 im böhmischen Aussig gegründete „Adolf Merckle en gros“ in der zweiten Generation. Er hatte die Firma seines Vaters 1915 übernommen und um zwei pharmazeutische Fabriken erweitert. Es folgten Enteignung und 1945 die Vertreibung aus dem Sudetenland. Die Familie ging in die Heimat von Adolf Merckles Mutter – nach Blaubeuren.

Der Junior studiert Jura, arbeitet in Hamburg als Rechtsanwalt. 1967 übernimmt er die Firma, die damals vier Millionen Mark umsetzt – und baut sie systematisch und rasant aus. Zwei Meisterstücke legt er hin: 1974 erkennt er die Chance für Nachahmer-Medikamente und gründet Ratiopharm. Anfang der 90er gelingt ihm mit Phoenix sein zweiter Coup, der ein bezeichnendes Licht auf die andere, die dunklere Seite des Adolf Merckle wirft.

Zu dieser Zeit hält er Minderheitsbeteiligungen an mehreren Pharmagroßhändlern. Bei diesen platziert er Stück für Stück ihm wohlwollende Manager. Die sorgen dafür, dass die Händler sich vereinigen zur Phoenix Pharmahandel, mit über 15 Milliarden Euro Umsatz heute der dickste Brocken des Merckle-Reichs.

Ähnlich ging der Senior auch bei Kässbohrer vor, dem Weltmarktführer für Pistenfahrzeuge. Bei der Hauptversammlung im März 2003 hat das Unternehmen eigentlich nur Gutes zu erzählen. Vorstandschef Henrik Grobler allerdings hatte 25 Millionen Euro in eine neue Produktion investiert – und das ist Merckle zu teuer. Also will er Grobler loswerden. Doch dafür wäre eine einstimmige Entscheidung des dreiköpfigen Aufsichtsrats nötig. In dem sitzen Merckles Sohn Ludwig, Susanne Frieß, seine enge Vertraute in Finanzfragen – und ein Vertreter der Kreissparkasse Biberach, die mit 40 Prozent der Anteile größter Aktionär ist. Merckle selbst meldet zur HV einen von ihm kontrollierten Anteil von 24,98 Prozent an.

Trotzdem wird er mit 55 Prozent der Stimmen an Stelle des Sparkassen-Mannes in den Aufsichtsrat gewählt – die Entlassung Groblers ist danach nur noch Formsache. Ein Prozess, der beweisen sollte, dass Merckle weit mehr Stimmen kontrollierte, ging zu dessen Gunsten aus. „Ein einmaliger Akt“, kommentierte die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.

Mit ähnlichem Ellenbogeneinsatz geht Merckle auch vor, wenn es gilt, wenig Steuern zu zahlen. So deckte das „Manager Magazin“ auf, dass er jahrelang die Gewerbesteuer von Ratiopharm nicht am Firmensitz Ulm abführte, sondern in Blaubeuren – des niedrigeren Hebesatzes wegen. Als das rauskam, musste Blaubeuren der Stadt Ulm 21,4 Millionen Mark plus Zinsen erstatten.

Und so wird Heidel-Cement wohl nicht der letzte Aufreger aus dem Hause Merckle bleiben. Denn der 70-Jährige hat seine Nachfolge geregelt: Seine Söhne Ludwig und Philipp führen bereits Ratiopharm. Dem Stil der Eltern, sagen alle, die sie kennen, bleiben auch sie treu.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%