Herbert Stepic
Ostblut in den Adern

Sein bärenhafter Charme ist in Osteuropa legendär. Nun wurde Herbert Stepic, der Chef der Raiffeisen International, zum "Europäischer Banker des Jahres 2006" gewählt. Über Jahre hinweg hat die Osteuropa-Tochter der Raiffeisen-Gruppe durch ihre aggressive Expansionsstrategie in Osteuropa jährlich mehr als 40 Prozent Wachstum erzielt.

WIEN. Der dunkle Audi mit der österreichischen Standarte am Kotflügel hält direkt am roten Teppich, der vor der Zentrale der Impexbank in der Moskauer Innenstadt ausgerollt ist. Das ehrwürdige Gebäude ist im Empire-Stil errichtet; drinnen hat sich ein kunstsinniger Eigentümer vor mehr als 100 Jahren die Welt in die eigenen vier Wände geholt: Es gibt ein ägyptisches Zimmer, ein mauretanisches, das über und über mit Ornamenten verziert ist, ein russisches, das mit Holzschnitzereien prunkt. In den 20er-Jahren zog die kommunistische Partei hier ein. Lenin hat hier den berühmten Satz fallen lassen: „Was das Volk geschaffen hat, gehört dem Volk.“

Ein massiger Mann steigt aus dem Audi, Vollbart, buschige Augenbrauen, 60 Jahre alt: Herbert Stepic, Chef der österreichischen Raiffeisen International. Mit dröhnendem Bass begrüßt er die russischen Bank-Manager: „Lasst uns ein paar Wodka miteinander trinken!“ Der Mann ist in Feierlaune. Er hat gerade mal wieder einen Kaufvertrag unterschrieben. 550 Millionen Dollar wird er für die Impexbank auf den dunklen Holztisch im Lenin-Zimmer legen müssen. Das war vor einem Jahr.

Es war nicht der erste und dürfte nicht der letzte Auftritt dieser Art von Stepic sein, dem Mann, den die „Group 20 + 1“, eine Vereinigung führender Finanzjournalisten in Frankfurt, jetzt zum „Europäischen Banker des Jahres 2006“ gewählt hat. Raiffeisen International war als Osteuropa-Tochter der Raiffeisen-Gruppe vor zwei Jahren an die Wiener Börse gegangen. Zuvor hatte das Institut über Jahre durch seine aggressive Expansionsstrategie in Osteuropa jährlich mehr als 40 Prozent Wachstum erzielt. Inzwischen verfügen die Österreicher über 68 Tochtergesellschaften in 16 osteuropäischen Ländern. In Russland etwa sind sie durch den Kauf der Impexbank zum größten ausländischen Geldinstitut aufgestiegen, so wie in Weißrussland, wo der Konzern die Priorbank besitzt.

Raiffeisen International fährt damit gut: Bei einem Investorentag in Kiew – wo sonst? – erhöhte Stepic zuletzt die Prognose für den Konzernjahresüberschuss 2006 um 50 Mill. auf 550 Mill. Euro. Darin noch nicht eingerechnet sind die Erlöse aus dem Verkauf der Raiffeisenbank Ukraine und einer Minderheitsbeteiligung in Kasachstan. Nächste Woche kommen die endgültigen Zahlen. Klar ist, dass die Gruppe zusammen mit Unicredit und Erster Bank zu den führenden ausländischen Kreditinstituten in Osteuropa gehört.

Die Expansion lebt von Typen wie Stepic. „Ständig unter Strom“ steht er, sagen seine engeren Mitarbeiter. Von Natur aus sei er mit kurzem Schlafbedarf gesegnet und „nur schwer zufrieden zu stellen“. „Ich heiße Stepic, ich habe Ost-Blut in den Adern", sagt er selbst. Aus „ganz kleinen Verhältnissen" stamme er und hat daraus eine Erkenntnis gewonnen, die für die Gruppe lebenswichtig ist: „Du kannst gar nicht so wenig Geld verdienen, als dass Du nichts sparen kannst."

Auch in harten Zeiten hielt Stepic seinen Freunden an der Moskwa die Stange. Während andere Banken vor drei Jahren, als sich das russische Wachstum abschwächte, die Segel strichen, blieb Raiffeisen, die seit 1997 den Markt beackert, vor Ort. Inzwischen ist dank explodierender Energiepreise von Wachstumsdelle keine Rede mehr.

Auch eine gewisse Flexibilität gehört zum Erfolgsgeheimnis. Etwa im Umgang mit der Politik, „dem größten Risikopartner“, wie Stepic meint. Seine Philosophie ist recht opportunistisch: Ein System, sagt er später an jenem Festabend nach dem Kauf der Impexbank, als die Musiker im Hintergrund schon zu russischen Volksliedern übergegangen sind, könne man nur von innen heraus verändern. „Ich muss mich nicht mit der Politik ins Bett legen und ich muss sie nicht mit Zähnen und Klauen bekämpfen.“

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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