Herbert Walther
„In der Beschleunigung liegt eine Chance“

Tempo und Hektik der Moderne werden häufig genug kritisiert. Doch in der Beschleunigung liegen auch Chancen. Ein Plädoyer für Geschwindigkeit von Herbert Walther, ehemaligem Vorstandssprecher der Deutschen Bank.

FrankfurtWenn Manager über die Zeit sprechen, dann in den allermeisten Fällen in einer speziellen Hinsicht: Es geht ihnen nicht um die Zeit an sich, sondern um das wachsende Tempo in der Wirtschaft, um die Beschleunigung der Abläufe und um das immer schnellere Erreichen vorgegebener oder selbst auferlegter Ziele.

Diese Beschleunigung wird oftmals als wachsender Druck in zweifacher Bedeutung empfunden: als steigender Leistungsdruck und zunehmender Zeitdruck. Auch wenn es unbestreitbar so ist, dass die Anforderungen an die Manager in der Wirtschaft wachsen. Sind diese beiden Phänomene, also Leistungs- und Zeitdruck, berechtigte Gründe für Managerklagen?

Ich meine: Nein.

Wir leben in einer Wettbewerbsgesellschaft, wobei der Wettbewerb heute sehr oft über beschleunigte Prozesse ausgetragen wird. Wirtschaftlicher Erfolg hängt in diesem System davon ab, zur richtigen Zeit die richtigen Maßnahmen zu ergreifen und zwar so, dass man sich damit ein wenig von der Konkurrenz absetzen, mithin etwas besser als die Konkurrenz sein kann.

Das war auch in meiner Zeit als Führungskraft in Banken nicht anders. Seit Ende der achtziger Jahre hat diese Branche einen dramatischen Umbruch erlebt.

Diesen Umbruch habe auch ich als eine Beschleunigung des Geschehens wahrgenommen - sowohl im "Fronteinsatz" bei der Deutschen Bank Anfang der neunziger Jahre in Nordrhein-Westfalen, als auch danach in der Zentrale in Frankfurt als Verantwortlicher dafür, dass der Umbau des Geschäfts mit Privat- und Mittelstandskunden schließlich auch Früchte trägt.

An dieser Stelle will ich ein kleines Fazit vorwegnehmen: Ich habe diese Beschleunigung nie als eine Belastung empfunden, im Gegenteil. Hermann Hesse hat einmal sinngemäß gefragt, ob es denn ein Unglück sei, in eine stürmische Zeit hineingeboren zu sein? Oder ob das nicht vielmehr ein Glück sei? Für mich galt und gilt ganz klar Letzteres.

Auf der anderen Seite muss man aber auch konstatieren, dass dieser Wandel für diejenigen Mitarbeiter weniger anspornend war, die im Bankberuf in erster Linie Sicherheit und Stabilität gesucht hatten. Besonders deutlich ist dieser gewachsene Druck bei den Kundenberatern der Banken in der jüngsten Finanzkrise geworden. Nie zuvor wurde der alte Widerspruch zwischen Bankergebnis und Kundenbedarf offenkundiger.

Nimmt man es genau, so sind ein steigender Leistungs- und Zeitdruck aus Sicht der Betroffenen die wesentlichen Elemente der Fremdbestimmung. Das war auch bei mir nicht anders. Als junger Assistent des Vorstands hatte ich zu lernen, mit kurzer Aufgabentaktung und extremer Fremdsteuerung zurechtzukommen. Natürlich ging es dabei auch darum, eine große Stressbelastung einigermaßen gut zu durchstehen. Die Fürsorge des Vorstands bestand in dieser Hinsicht aus der gut gemeinten Bemerkung: "Wir müssen Ihre Magenwand noch etwas stärken".

Bei meinem ersten größeren operativen Einsatz als Führungskraft habe ich dann erfahren, wie es ist, zu viele Teller gleichzeitig in der Luft halten zu wollen. Die Arbeit zerfällt in "Häppchen" und am Ende des Tages hat man unweigerlich das Gefühl, nicht mehr ausreichend Kraft für größere Themen zu haben. Ob man das nun Manager im Hamsterrad oder Mikromanagement nennt ist relativ egal.

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„Ich will Herr über meine Zeit sein“

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