Hinter den Kulissen der NYSE brodelt es
Strippenzieher hängt am seidenen Faden

Richard Grasso, Chef der New York Stock Exchange, gerät immer mehr unter Druck. Börsenhändler wollen ihn stürzen.

NEW YORK. Auch gestern stand er um Punkt 9.30 Uhr wieder auf dem Podium der New Yorker Börse (NYSE). Wie fast jeden Morgen begleitete Börsenchef Richard „Dick“ Grasso den Handelsstart am größten Aktienmarkt der Welt. Der Mann mit dem glatt rasierten Schädel applaudierte wie üblich, als der Tagesgast, diesmal der Kongressabgeordnete Rahm Emmanuel, den Eröffnungsgong läutete.

Trotz der zur Schau gestellten Routine – hinter den Kulissen der NYSE brodelt es. Seit 35 Jahren zieht Grasso dort erfolgreich die Fäden, doch in diesen Tagen hängt sein eigener Job am seidenen Faden: Die öffentliche Empörung über sein Gehalt von mehr als 180 Millionen Dollar in den vergangenen fünf Jahren droht eine Bilderbuch-Karriere abrupt zu beenden.

Gestern sprachen einige Mitglieder des NYSE-Boards (vergleichbar einer Kombination aus deutschem Aufsichtsrat und Vorstand) telefonisch über Auswege aus der aktuellen Krise, weiß das Wall Street Journal. Dabei sei auch eine mögliche Abberufung Grassos zur Sprache gekommen. Damit bröckelt die Unterstützungsfront für den Mann, dessen kantiger Kahlschädel noch stärker als Aushängeschild der weltgrößten Börse dient als der pfeiferauchende Werner Seifert die Frankfurter Deutsche Börse AG repräsentiert.

Auch unter den Mitgliedern der NYSE rumort es mächtig. Sie tragen die Börse, die ein nicht-gewinnorientierter Verein ist. Eine Gruppe von NYSE-Händlern sammelt derzeit Unterschriften, um eine außerordentliche Mitgliederversammlung zum Thema Grasso zu erzwingen. Die dazu nötigen hundert Unterschriften dürften laut Wall Street Journal bald zusammen kommen. Allerdings ist unklar, ob die Inhaber der 1366 NYSE-Sitze, die zum Aktienhandel berechtigen, Grasso überhaupt aus seinem bis 2007 laufenden Vertrag entlassen können. Die Satzung der NYSE enthält hierzu keine konkreten Regeln.

Auf jeden Fall steigert die Wut vieler Händler und die öffentliche Empörung den Druck auf das NYSE-Board. Dessen Gehaltsausschuss nickte über viele Jahre Grassos Gehalt ab – offenbar ohne über die Höhe der Gesamtbezüge informiert zu sein. „Es war nicht klar, und es hätte klar sein sollen. Der gesamte Prozess verlief unglücklich“, sagte der Vorsitzende des Gehaltsausschusses, der New Yorker Ex-Politiker Carl McCall, der New York Times.

Er steht im Kreuzfeuer der Kritik, seit McCall vor zwei Wochen mitteilte, dass Grasso über mehrere Jahre angesammelte Gehaltsansprüche von 139,5 Millionen Dollar auf einen Schlag ausgezahlt bekam. Erst bei einer Boardsitzung vergangene Woche erfuhr McCall, dass Grasso zusätzliche Ansprüche in Höhe von 48 Millionen Dollar hatte. In einer kontroversen Sitzung überredeten die Ausschussmitglieder den Börsenchef, auf diese Summe zu verzichten.

Besonders pikant: Bis Juni dieses Jahres schlug Grasso die Mitglieder sämtlicher NYSE-Ausschüsse selbst vor. Außerdem sitzen einige Chefs führender Wall-Street-Banken in verschiedenen Börsengremien. Ihre Banken werden von der NYSE reguliert, die öffentliche Aufsichtsfunktionen in der Handelsüberwachung wahrnimmt. Kritiker sehen einen Interessenkonflikt darin, dass die Regulierten selbst das Gehalt ihres Kontrolleurs bestimmen.

Das NYSE-Board könnte Grasso die Unterstützung entziehen und ihn damit praktisch zum Rücktritt zwingen. Zu den möglichen Königsmördern zählen laut der US-Zeitung die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright, der Chef der Investmentbank Goldman Sachs, Henry Paulson und der Chef des Erzrivalen Morgan Stanley, Philip Purcell. Sie sorgen sich angeblich, dass der Skandal um Grasso auf sie selbst abfärbt. Ähnliche Sorgen dürfte sich Jürgen Schrempp machen. Denn der Chef von Daimler-Chrysler sitzt im Gehaltsausschuss der NYSE, die Grassos üppige Entlohnung durchwinkte. Bislang hält sich Schrempp zu der Affäre bedeckt.

Bittere Zeiten für den Börsenchef. In 35 Jahren arbeitete sich Grasso vom einfachen Angestellten bei der NYSE hoch zum Chief Executive Officer und Chairman, was dem deutschen Aufsichtsratschef und Vorstandsvorsitzenden in Personalunion entspricht. Stolz verweisen er und viele NYSE-Mitarbeiter darauf, dass der heute 57-Jährige als erster interner Bewerber die Führung der jahrhundertealten Stock Exchange übernahm. Zuvor besetzten diesen Job politisch gut vernetzte Kandidaten von außen. Auch Grassos Herkunft aus einfachen Verhältnissen im New Yorker Stadtteil Queens galt als Plus des stets in feinen Zwirn gekleideten Börsenchefs.

Doch ausgerechnet einer, den Grasso 1995 von der Spitze der NYSE verdrängte, könnte ihn selbst jetzt aus dem Amt drängen – William Donaldson. Der heutige Chef der US-Börsenaufsicht SEC hätte seinen Posten als Börsenchef nach Informationen der Agentur Bloomberg damals gerne behalten, verlor aber den Machtkampf gegen Grasso.

In seiner Funktion als oberster US-Finanzmarktregulierer löste Donaldson die aktuelle NYSE-Krise mit aus. Im März forderte er sämtliche US-Börsen auf, ihr internes Regelwerk zu überprüfen. Als die Börse vor wenigen Wochen über Grassos Paket von 139,5 Millionen Dollar informierte, übte Donaldson Kritik: Die Summe „werfe ernste Fragen auf bezüglich der internen Führungsstruktur“ der NYSE, schrieb er in einem offenen Brief.

Ob Grasso am Ende seinen Posten verliert, ist noch nicht entschieden. „Ich habe vor, meinen bis 2007 laufenden Vertrag zu erfüllen“, verkündet er kämpferisch.

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