Håkan Samuelsson
Kredit beim Patriarchen

MAN-Chef Håkan Samuelsson muss sich heute in der Korruptionsaffäre vor dem Aufsichtsrat verantworten. Vorerst kann er auf das Vertrauen von Ferdinand Piëch bauen.

MÜNCHEN. Drei Jahre hat der Umbau gedauert, jetzt ist der Muff raus. Eine offene Bürolandschaft hat sich der Hausherr geschaffen, wo früher der Charme einer Finanzverwaltung herrschte. Glas trennt die Büros der Vorstandsetage, die einst massives Mauerwerk durchzog. Die Panoramafenster öffnen den Blick ins Grüne. Licht flutet von allen Seiten durch die Flure.

Die Transparenz der Architektur ist ganz nach dem Geschmack des Håkan Samuelsson. Seit vier Jahren ist er Chef des Mischkonzerns MAN. Und der Umbau der Konzernzentrale in München-Schwabing war ihm ein persönliches Anliegen.

Doch die Freude über die neue Leichtigkeit des Seins währte nur kurz. Der Konzern steckt in einer tiefen Absatzkrise, viele Werke stehen praktisch still. Und seitdem Anfang Mai kurz nach dem Einzug die Staatsanwaltschaft die neue MAN-Zentrale und Dutzende Niederlassungen filzte, lastet ein Generalverdacht auf dem Unternehmen.

Die Vorwürfe wiegen schwer, auch wenn gegen Håkan Samuelsson selbst nicht ermittelt wird. Systematisch soll bis zum Jahr 2005 in der Nutzfahrzeugsparte Schmiergeld geflossen sein, um den Absatz zu beschleunigen. Die Ermittler verfolgen dubiose Zahlungen bis in die Steueroasen der Karibik. Mehr als 100 Beschuldigte führt die Staatsanwaltschaft München, innerhalb und außerhalb des Konzerns. Ein Vorstandsmitglied der Lkw-Tochter lässt bereits sein Amt ruhen.

"Die Ermittlungen stehen noch am Anfang", heißt es in der Behörde. "Wir kooperieren vollständig", sagt MAN. Am heutigen Mittwoch wird Samuelsson dem Aufsichtsrat und dessen mächtigem Chef Ferdinand Piëch Rechenschaft ablegen.

Piëch missfällt der neue Brandherd auf der Achse Salzburg-Stuttgart. Andererseits schätzt er Samuelsson und hat ihm die verpatzte Scania-Übernahme vor zwei Jahren verziehen. Der jovial wirkende Schwede hat sich damit abgefunden, dass Piëch hinter seinem Rücken fast dreißig Prozent von MAN übernommen und Samuelsson faktisch zum Statthalter degradiert hat. Als "elfte Marke" in Piëchs geplanter Autounion soll MAN gemeinsam mit der VW-Beteiligung Scania die weltweite Lkw-Dominanz von Daimler brechen. Erst Ende 2008 überschrieben die Wolfsburger ihre Trucktochter in Brasilien für eine Milliarde Euro an MAN.

Samuelsson weiß den Vertrauenskredit des Patriarchen zu schätzen. Denn die zähen Ermittlungen der Staatsanwälte, der zahlreichen Sonderermittler und Wirtschaftsprüfer beziehen sich just auf den Zeitraum, in dem er selbst die Nutzfahrzeugsparte führte. Dort soll er bei seinem Amtsantritt im Jahr 2000 Bedenkliches vorgefunden haben. Das Controlling in der Zentrale sei unzureichend gewesen, Provisionen in den Niederlassungen nach Gusto geflossen sein. Compliance-Regeln, also Praktiken zur Geschäftshygiene, habe es kaum gegeben. Ein Humus also, auf dem allerlei Unerfreuliches wuchern durfte. Ein Branchenproblem, wie es heißt.

Und so verschärften die neuen MAN-Manager um Samuelsson die Regeln im Laufe der Jahre. Das Umfeld verlangte nach sauberen Geschäften. Korruptionszahlungen im Ausland waren seit 1999 auch in Deutschland strafbar, die Steuerfahnder gehalten, verdächtige Zahlungen den Staatsanwaltschaften zu melden. MAN führt in den Folgejahren das Vier-Augen-Prinzip bei Geschäften ein; Barauszahlungen werden verboten, Überweisungen in Steueroasen untersagt. Die Konzernrevision nimmt sich den Vertrieb vor. 2007 führt diese gar eine "spezielle Revision" bei der Nutzfahrzeugtochter durch und wird fündig. Man trennt sich lautlos von mehreren Mitarbeitern. Doch Samuelsson scheut den Gang zur Staatsanwaltschaft. Siemens kämpft zu diesem Zeitpunkt mit seinem Schmiergeldskandal, MAN hätte ein Scherbengericht erwartet, so die Befürchtung. Samuelsson steht zudem vor der Berufung in den neuen Siemens-Aufsichtsrat.

"MAN hat offenbar Wert darauf gelegt, den Fall ohne Öffentlichkeit zu regeln, das war ein Fehler", sagt Peter von Blomberg, Vizechef von Transparency International. "Der Reputationsschaden für das Unternehmen ist jetzt größer geworden", betont der Korruptionsexperte. "Dieser Fall zeigt, wie hoch das Risiko ist, im Nachhinein aufzufliegen", sagt er.

Ein Risiko, dem Konkurrent Daimler aus dem Weg gegangen ist. Der Konzern hat seine Akten über mutmaßlich krumme Geschäfte in der Türkei und Usbekistan sofort der Staatsanwaltschaft überlassen. Es ist die politische, weniger die juristische Dimension, die Samuelsson gefährlich werden kann.

"Wir stehen zum freien, fairen Wettbewerb und werden den guten Ruf von MAN und das, was wir in den letzten Jahren durch unsere Arbeit geleistet haben, verteidigen", schreibt Samuelsson an seine Mitarbeiter.

Die haben im Moment viele andere Sorgen. Seit dem dramatischen Auftragseinbruch im vergangenen Herbst hat sich die Lage keineswegs stabilisiert. Längst hat sich die Nutzfahrzeugtochter darauf eingestellt, die Kurzarbeit auch in das zweite Halbjahr zu verlängern. Zieht dann die Konjunktur immer noch nicht an, dürfte Samuelsson einmal mehr vor schwierigen Entscheidungen stehen.

Håkan Samuelsson

1951 Er wird in Motala, 250 Kilometer südwestlich von Stockholm, geboren und absolviert später ein Maschinenbaustudium in Stockholm.

1977 Samuelsson startet seine berufliche Karriere beim schwedischen Lkw-Bauer Scania und steigt später zum Leiter der Entwicklung und Produktion des Antriebsstranges auf. Er geht 1993 als Technischer Direktor Brasilien für Scania ins Ausland.

1996 Samuelsson steigt in den Scania-Vorstand als Entwicklungs- und Produktionschef auf.

2000 Er wechselt im Juli auf den Chefposten der MAN-Nutzfahrzeuge.

2005 Samuelsson übernimmt den Vorstandsvorsitz des MAN-Konzerns.

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