Holtzbrinck-Verlagsgruppe
Der leise Abschied des Dieter von Holtzbrinck

Still und bescheiden verlässt der Stuttgarter Verleger Dieter von Holtzbrinck das Familienunternehmen. Der Unternehmenswert werde schrittweise in eine gemeinnützige, sozial engagierte Stiftung überführt. Künftig werden seine Geschwister an der Verlagsgruppe jeweils die Hälfte der Anteile halten.

STUTTGART. Drei Pressekonferenzen in einem Leben sind für Dieter von Holtzbrinck genug. Das hatte der damalige Chef der Stuttgarter Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck bereits vor fünf Jahren verkündet, bei der Stabübergabe an seinen jüngeren Bruder Stefan.

Damals hatte er zu einer Pressekonferenz im Stuttgarter Unternehmenssitz eingeladen. In den Räumen der überschaubaren Zentrale, in einem stillen Villenviertel oberhalb der Schwabenmetropole gelegen, verkündete Dieter von Holtzbrinck den lange geplanten Generationswechsel: „Ich übergebe den Besen“, sagte er damals augenzwinkernd.

Fünf Jahre später nimmt der Aufsichtsratsvorsitzende der Holtzbrinck-Gruppe nun auch leise Abschied vom Unternehmen und vom Kontrollgremium – ganz ohne Pressekonferenz. Am späten Freitagnachmittag ließ der Verleger von „Handelsblatt“, „Zeit“ und „Wirtschaftswoche“ eine Pressemitteilung verschicken. Inhalt: Er werde seine Drittelbeteiligung an seine Geschwister Monika Schoeller-von Holtzbrinck und Stefan von Holtzbrinck abgeben. Der Unternehmenswert werde schrittweise in eine gemeinnützige, sozial engagierte Stiftung überführt. Künftig werden seine Geschwister an der Verlagsgruppe jeweils die Hälfte der Anteile halten. Seinen Posten als Aufsichtsratsvorsitzender gibt er an seinen bisherigen Stellvertreter im Kontrollgremium ab: Lothar Späth. Der frühere Ministerpräsident von Baden-Württemberg und Jenoptik-Lenker gilt seit Jahren als Vertrauter der Unternehmerfamilie.

Ein Patriarch wollte Dieter von Holtzbrinck nie werden. „Ich bin ja sehr bewusst vor fünf Jahren aus der Geschäftsführung ausgeschieden, weil ich unbedingt das in Familienunternehmen gefährliche Nicht-Loslassen-Können, den so genannten Grundig- oder Neckermann-Effekt, vermeiden wollte“, begründet der liberal-konservative Medienunternehmer seinen Rückzug im Interview mit „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo im „Tagesspiegel“. „Und wenn man eine bedeutende Familienstiftung gründen und aufbauen will, dann sollte man auch dafür zumindest einen Zeitraum von plus/minus zehn Jahren einplanen.“

Der Ausstieg als Gesellschafter und Aufsichtsratschef ist für die Verlagsgruppe ein tiefer Einschnitt. „Es ist eine Zäsur, die ich gewollt habe, die mir dennoch nicht leicht fällt“, bekennt er. Es war Dieter von Holtzbrinck, der das Unternehmen in seiner heutigen Form aufbaute. Auf dem Fundament eines Buchclubs errichtete er eine internationale Mediengruppe aus Buchverlagen, Zeitungen, Magazinen, Fach- und Wissenschaftsblättern mit heute annähernd 14 000 Mitarbeitern. Im vergangenen Jahr steigerte die Verlagsgruppe ihre Erlöse um 6,5 Prozent auf 2,09 Milliarden Euro. Beim Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen legte sie sogar um 16 Prozent auf 188 Millionen Euro zu. Als er den Vorsitz der Geschäftsführung 1980 übernahm, belief sich der Umsatz auf gerade mal 700 Millionen Mark.

Die Strategie aus hohem Qualitätsanspruch, praktizierter Dezentralität und flachen Hierarchien hat sich ausgezahlt. Heute steht die Verlagsgruppe auf vier Säulen: Publikumsverlage (Rowohlt, S. Fischer, Kiepenheuer & Witsch), Bildungs- und Wissenschaftsverlage (Nature, Scientific American), Zeitungen und Wirtschaftsinformationen (Handelsblatt, „Wirtschaftswoche“, „Zeit“) und elektronische Medien (Booxtra, Audible). „Seine unternehmerische Lebensleistung wird für uns immer Vorbild und Ansporn sein“, verspricht Dieters Bruder Stefan von Holtzbrinck als Vorsitzender der Geschäftsführung.

Er übernimmt das Ruder in spannenden Zeiten: Das Internet verändert die Medienbranche, nicht die Plattformen sind entscheidend, sondern die Inhalte. „Wir müssen unsere exklusiven Inhalte auf dem Wege vertreiben, der zum Kunden führt, egal, ob das jetzt in Print oder auf elektronische Weise erfolgt“, sagt Dieter von Holtzbrinck: „Ich bin davon überzeugt, dass sich alle Medien, insbesondere aber Zeitungen und Zeitschriften, den jeweiligen Verhältnissen anpassen müssen.“

Der Verlagsgruppe Handelsblatt ist Dieter von Holtzbrinck besonders verbunden: Als 28-Jähriger wurde er für vier Jahre geschäftsführender Gesellschafter der Handelsblatt GmbH in Düsseldorf, die sein Vater Georg von Holtzbrinck kurz zuvor erworben hatte. „Ich begann ja meine Tätigkeit für die Verlagsgruppe 1970 beim Handelsblatt und hatte vorher einige Monate bei Dow Jones, beim ,Wall Street Journal’, volontiert, und mein Ziel war es, eine exzellente nationale Wirtschaftszeitung aus dem Handelsblatt zu machen“, erinnert sich der leise Medienlenker, der privat die Entspannung beim Segeln sucht. „Es war in der Zeit beim Handelsblatt in Düsseldorf, als ich mich dort wirklich am Umbau, Aufbau, Ausbau des Handelsblattes betätigen konnte, auch inhaltlich.“

Das Zeitungsgeschäft hat Holtzbrinck nicht nur in Düsseldorf viel Freude bereitet. Der Kauf der „Zeit“ sei für ihn ein Jugendtraum gewesen. Auch der Berliner „Tagesspiegel“ war ein Meilenstein – trotz ausbleibenden wirtschaftlichen Erfolgs. Doch der Stuttgarter musste auch Niederlagen einstecken. „Es gab eine Reihe von kleineren Flops, wie den Kauf und die spätere Einstellung einer Zeitschrift namens ,Corporate Finance’ in den USA, wie die Zeitschrift ,DM’ oder die Zeitschrift ,Telebörse’ beim Handelsblatt“, bekennt von Holtzbrinck offen. Auch der Versuch, den Verlag der „Berliner Zeitung“ zu kaufen und mit dem „Tagesspiegel“ zu verbinden, musste wegen des Widerstandes der Kartellwächter aufgegeben werden.

Künftig will sich der humorvolle Unternehmer mit seinen Kindern auf den Aufbau der Familienstiftung konzentrieren. Dieter von Holtzbrinck, der sich in seinen dreieinhalb Jahrzehnten als Verleger und Unternehmer nur sehr selten öffentlich geäußert hat, hat auf die Frage, was ihm in diesen Tagen des Abschieds am schwersten fällt, eine klare Antwort: „Dieses Interview“, entgegnet er dem „Tagesspiegel“.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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