Hubert Fromlet ist als Deutscher Chefvolkswirt der Swedbank
Bälle, BIP und Beach Boys

In gut zwei Wochen stimmen die Schweden über die Einführung des Euros ab. Für den deutschen Chefvolkswirt der Bank Swedbank bedeutet das viel Arbeit.

STOCKHOLM. Er ist auf dem Sprung. Wie immer. Hubert Fromlet – ein Reisender in Sachen Ökonomie. Den Koffer stets gepackt, damit er auch mit wenigen Stunden Vorlauf überraschend für zwei Wochen in die USA fliegen kann. Wie heute, wo sein Flieger bereits in anderthalb Stunden über Reykjavik in die USA geht. Zeit für ein Gespräch findet er dennoch. Es ist alles gut organisiert, und zur Not muss die Sekretärin einen Teil der Arbeit abnehmen.

Als Chefvolkswirt der drittgrößten schwedischen Bank Swedbank hat Fromlet besonders hektische Wochen vor sich. In gut zwei Monaten, am 14. September, stimmen die Schweden in einem Referendum über die Einführung des Euros ab. Aus seiner Haltung macht Fromlet keinen Hehl. „Ich bin für den Euro“, lautet die klare Antwort. Nun versucht er, die immer skeptischer werdenden Schweden von den Vorteilen der Gemeinschaftswährung zu überzeugen. Knapp dürfte es aber werden, das gibt auch der Experte zu.

Fromlet hat sich als gebürtiger Deutscher in Schweden etabliert. Heute gilt er als einer der angesehensten Ökonomen des Landes. In diesen Zeiten ist er ein sehr gefragter Mann. Bei Politikern in Schweden, bei den Medien, bei Wirtschaftsvertretern – überall interessiert die Frage, wann es mit Deutschland, dem größten Handelspartner Schwedens, wieder bergauf geht.

"Deutschland braucht eine mentale Umstellung"

„Ich würde schon sagen, dass vom Ansatz jetzt vieles richtig ist. Doch man darf auch nicht vergessen, dass Deutschland erst ein paar Kilometer des Marathonlaufes bewältigt hat“, unterstreicht der gebürtige Stuttgarter, dessen schwäbische Herkunft nach knapp 30 Jahren in Schweden kaum noch auszumachen ist. Und schon ist der 56-Jährige in seinem Element. „Im Gesundheitswesen muss noch einiges passieren, der gesamte öffentliche Sektor muss effektivisiert werden.“ Überzeugung klingt aus seinen Worten, dozieren ist nicht Sache des Wirtschaftsprofessors. Und wenn die strukturellen Reformen angegangen werden, dann würde ein höheres Defizit „von Brüssel wohl auch akzeptiert werden“. Doch Eichel solle die Grenze des Haushaltsdefizits von drei Prozent fest im Auge behalten.

Sehr wichtig ist Fromlet ein Sinneswandel: „Deutschland braucht eine mentale Umstellung.“ Die Menschen müssten wieder mehr arbeiten, Freizeit schön und gut, aber Vorruhestandsregelungen und Arbeitszeitverkürzungen sind nicht das Rezept Fromlets. „Auch Schweden hat hier noch einigen Nachholbedarf“, findet er und sagt im Hinblick auf die weiterhin ausgeprägte schwedische Umverteilungspolitik: „Arbeiten muss sich lohnen.“

Für ihn hat es sich rentiert. Die ersten Jahre als Ausländer in Schweden seien nicht ganz einfach gewesen, sagt er und erinnert sich, dass er direkt nach dem Studium der Liebe wegen gen Norden zog. Doch „heute spielt meine Herkunft gar keine Rolle mehr“. Der Chefökonom hat den Einkäuferindex in Schweden eingeführt, hat als einer der Ersten den Ostseeraum als wichtige Wirtschaftsregion entdeckt.

"Wir sind in der Champions League"

Auch international hat sich Fromlet einen Namen gemacht als jemand, der auch wegen seiner Erfahrungen bei Saab Scania die Mikro- und Makroökonomie verbinden kann. Als erster und bisher einziger Europäer sitzt er im Vorstand der US-Vereinigung von Volks- und Betriebswirten NABE (National Association of Business Economics). Zwei Professuren in Schweden runden das Bild eines Mannes ab, der für seinen Beruf lebt.

Ein Arbeitstier? Sicher, doch dann kommt die Überraschung. „Wir sind in der Champions League“, sagt er und betont das „wir“ so deutlich, dass man ihn schon als Co-Trainer des VfB Stuttgart sieht. Hinter der schmalrandigen Brille leuchten die Augen auf. Der VfB ist sein Klub, und wenn es irgendwie geht, wird ein Spielbesuch bei den vielen Dienstreisen nach Deutschland fest eingeplant. Dann spult er die Ergebnisse der letzten Bundesliga-Begegnungen so exakt ab wie sonst Wirtschaftsdaten wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Drei bis fünf Stunden pro Woche treibt er selbst aktiv Sport: Racketlon, eine Kombination aus Tischtennis, Squash, Badminton und Tennis. „Ich liebe Bälle“, sagt er. Und dann ist da noch etwas – „Pop- und Rockmusik!“

Staunen: Nach außen verkörpert er den eher biederen Wirtschaftswissenschaftler, doch innen spielt die Musik der Beach Boys. Der Kopf der Band, Brian Wilson, sei eines seiner großen Idole. „Ich habe ihn sogar einmal in London bei einem Konzert kennen gelernt.“ 200 Platten nur von dieser Gruppe hat er in seinem Haus in einem Stockholmer Vorort, in dem er mit seiner schwedischen Frau lebt. Und sonntags zwischen 18 und 19 Uhr, wenn die Familie etwas anderes vorhat, „wird richtig aufgedreht“.

Trotz Fußball und Popmusik muss bei Fromlets oft über Mikro- und Makroökonomie diskutiert werden. Seine Töchter, Camilla und Pia, studieren Betriebswirtschaft beziehungsweise Volkswirtschaft.

Das war’s dann schon an Einblicken in sein Privatleben. Denn Fromlet ist trotz beruflicher Erfolge zurückhaltend geblieben: „Über mich spreche ich nicht gern, es ist die Arbeit, die wichtig ist.“ Er möchte nicht durch Extravaganzen auffallen. Sein grauer Anzug stammt nicht von Armani.

Er müsse jetzt ganz schnell zum Flieger, sagt er höflich. Auf dem Weg in die USA will er eine Zwischenstation in Reykjavik auf Island einlegen. „Meine Tochter macht dort gerade ein Praktikum bei der isländischen Notenbank.“ Weg ist er.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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