Hubertus von Grünberg: Marschall Vorwärts

Hubertus von Grünberg
Marschall Vorwärts

Hubertus von Grünberg wird Verwaltungsratspräsident bei ABB.

ZÜRICH. Das Gelände ist steil, der Schnee hier oben an diesem Dezember-Tag in Norwegen tief, der Weg voller Kurven. Am Steuer sitzt Hubertus von Grünberg, eine Windjacke über den braunen Anzug geworfen, der an seinem schlaksigen Körper immer anderthalb Nummern zu groß aussieht. Von Grünberg, seit Ende vergangener Woche designierter Verwaltungsratspräsident des größten Schweizer Industrieunternehmens ABB, ist zu dieser Zeit, in den neunziger Jahren, Chef des hannoverschen Reifenherstellers Continental. Da lässt er es sich nicht nehmen, seine Produkte selbst zu testen.

Aber er wäre nicht von Grünberg, wenn er nicht nebenbei oder hauptsächlich, was eine Frage der Perspektive ist, ein Interview zur Strategie des viertgrößten Reifenherstellers der Welt führen würde. Das geht dann so: "Herr von Grünberg, wie viele Reifenwerke in Westeuropa können überleben?" Von Grünberg schaltet runter in den zweiten Gang, um den Mercedes, ohne bremsen zu müssen, auf niedrigere Geschwindigkeit zu bringen. "Die Schließungsstrategie ist eine Aggression in Richtung Menge", sagt er, kurbelt gefühlvoll am Steuer nach rechts, "kein Verzicht." Eine Schneewehe macht die Kurve enger als gedacht. "Ich muss mit arbeitslohnintensiven Produkten" - er bremst doch, das ABS-System hält den Wagen in der Kurve, über sein blasses Gesicht zuckt ein zufriedenes Lächeln - "in Billiglohnländer gehen. Dazu mag man stehen, wie man will: Ich brauche" - das linke Vorderrad rutscht doch noch knirschend in einen Schneehaufen - "die Investoren, weil ich auf einen hohen Aktienkurs" - er schaltet in den Rückwärtsgang - "angewiesen bin. Je höher der ist" - er dreht den Kopf, setzt einige Meter zurück, bis alle vier Räder wieder greifen -, "desto größer ist mein unternehmerischer Manöverraum."

Kein Zweifel, das Gehirn dieses Mannes arbeitet wie die Hände eines Schlagzeugers: zwei Rhythmen gleichzeitig sind kein Problem. Der eine Teil kann ein Problem lösen, während der andere sich einer davon völlig verschiedenen Aufgabe widmet. Über Einsteins Relativitätstheorie hat der gelernte Physiker einst promoviert. "Ich wollte ein Studium, in dem nur zehn Prozent der Studenten einen Abschluss schaffen", sagt er. "Ich war fasziniert von den Zahlen, von den Formeln, von der Schönheit der Algebra, die für mich der Schönheit - nicht dem Reiz - einer Frau gleichkommt", diktiert er später einem Reporter in den Block. "Nach der Beschäftigung mit Einsteins Relativitätstheorie hatte ich beruflich vor nichts mehr Furcht."

Furcht wäre damals 1991, als von Grünberg an die Spitze der hannoverschen Conti gelangt und damit in die Topliga der internationalen Manager aufsteigt, auch ein verdammt schlechter Ratgeber gewesen. Conti ist die Nummer vier im Reifengeschäft, zu klein, um Preise zu bestimmen, zu groß für Nischen. Die Hannoveraner haben sich mit Zukäufen in den USA verhoben. Pirelli plant eine unfreundliche Übernahme. Von Grünberg schließt Allianzen, zieht den niedersächsischen Ministerpräsidenten, der Gerhard Schröder heißt, auf seine Seite, wehrt den Angriff ab und richtet den Konzern neu aus: Er kauft seinen ehemaligen Arbeitgeber Teves und macht Conti damit mehr und mehr zum integrierten Autozulieferer. Im Sommer 1999 wechselt er auf eigenen Wunsch an die Spitze des Conti-Aufsichtsrats. Es ist von Grünbergs Fundament, auf dem Conti im vergangenen Jahr zu dem Dax-Unternehmen geworden ist, dessen Aktie am besten abgeschnitten hat.

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