Hugo-Boss-Chef muss gehen
Boss sucht Boss

Bruno Sälzer musste erst zum Boss reifen. Seine ersten Präsentationen bestanden nur aus Zahlen – aus Statistiken, Formeln und eigenen Berechnungen. Über seine schlecht sitzenden Anzüge mit unglücklicher Hemd-Krawatte-Kombi zog die feinfühlige Modeelite die gut gezupften Augenbrauen. Jetzt muss er auf Wunsch von Großaktionär Permira gehen.

HAMBURG. „Er verwechselte wie so viele deutsche Manager modisch mit bunt“, erinnert sich ein Vorstandskollege. Sälzer lernte schnell – und zwar nicht nur die Sprache des Marketings und die Kleiderordnung im mit einem Umsatz von 1,6 Milliarden Euro größten deutschen Modekonzern. Bruno Sälzer wurde im Jahr 2002 der Boss der Bosse. Seine Präsentationen schmückt er heute mit Beispielen und Bildchen, sein drahtiger Kampfsportkörper steckt in Boss Selection, dem feinsten Stöffle des Hauses, und die Partys und Modeschauen, die er feiert und veranstaltet, schaffen es spielend in Bunte, Gala und Vanity Fair.

Sälzer ist mit dem Erfolg des Modekonzerns Hugo Boss gewachsen – über sich hinausgewachsen.

Die Erfolgsstory vom schmissigen Schneiderlein aus Metzingen nahm gestern ihr jähes Ende: „Dr. Bruno Sälzer scheidet bei Hugo Boss AG aus“, hieß es. Kürzer und schmerzloser hätte er selbst es auch nicht formulieren können. Und eine lange Verabschiedung wird es wohl auch nicht geben: „Der Personalausschuss des Aufsichtsrats wird sich unverzüglich mit der Suche nach einem Nachfolger von Herrn Dr. Sälzer beschäftigen.“ Nach Informationen des Handelsblatts wird heute dem Gremium ein Nachfolger präsentiert.

Bruno Sälzer hat Hugo Boss nachhaltig geprägt. Über fünf Jahre – so lange hat sich an der Spitze keiner mehr gehalten, seit die Holy-Brüder dem Unternehmen den Rücken kehrten. Sälzer baute den schwäbischen Herrenschneider zum international operierenden Modekonzern aus – mit margenträchtigem Accessoiresgeschäft, wachstumsstarker Damenmode und eigenem Einzelhandel. In Deutschland ist Hugo Boss die unangefochtene Nummer eins. International hinkt der Konzern aber hinterher. Gucci aus Italien und Louis Vuitton aus Frankreich etwa wachsen schneller und verdienen besser.

Das Potenzial sahen auch andere. Im vergangenen Jahr stieg die Private-Equity-Gesellschaft Permira ein. Beim Poker um die Machtverteilung im Konzern spielte Sälzer auf Risiko. Schon vor der offiziellen Über-nahme ging er auf Konfrontationskurs gegen die neuen Eigentümer. „Nach dem Aktienrecht“, teilte der passionierte Karatekämpfer im Interview mit dem Handelsblatt aus, „ist immer noch der Vorstand für die Strategie des Konzerns zuständig.“ Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: „Da fällt uns sicherlich nicht alles neu ein, nur weil es einen neuen Großaktionär gibt.“ Angriff, so schien es, hatte Sälzer zu seiner Verteidigungsstrategie erkoren. Die vorlauten Töne kamen bei Permira nicht gut an. Nach Informationen aus unternehmensnahen Kreisen knirschte es zwischen dem Vorstandschef und den Frankfurter Investoren schon damals kräftig. Sälzer verweigere den Dialog, hieß es. Ändere er sein Verhalten nicht, seien seine Tage bei Hugo Boss gezählt.

Ein früherer Geschäftspartner sagt deshalb jetzt: „Dass er nicht schon damals den Hut nehmen musste, hat uns gewundert.“ Warum es jetzt zum Bruch kam, bleibt vorerst unklar. Ob Sälzer hinschmiss oder Permira der Faden riss, die Beteiligten haben Stillschweigen vereinbart. In einem Brief an die Mitarbeiter schrieb Sälzer: „Ich gehe ungern.“ Klar ist aber: Permira und Sälzer, das war wie Feuer und Wasser.

Da war nicht nur die Schwäche im internationalen Vergleich. Permira hatte neben den Wachstumsaussichten auch das enorme Eigenkapital von Hugo Boss angelockt. Die Quote lag bei 51 Prozent. Die Forderung: Fremdkapital durch Kredite erhöhen und an die Aktionäre, also an Permira, als Dividende ausschütten. Mit Sälzer, der seine jahrelange Arbeit und seinen Aufstieg zum Alphatier im Konzern und in der Modebranche gefährdet sah, war das nicht zu machen. Branchenexperten gaben ihm recht: Langfristig droht dem Modekonzern durch die neuen Schulden eine deutlich höhere Zinsbelastung. „Sälzer hatte keine andere Wahl, als zu sagen: Das geht nicht“, sagt Franz Schmid-Preissler von der gleichnamigen Unternehmensberatung aus Gmund am Tegernsee.

Als unersetzbar, und das ist ihm jetzt wohl zum Verhängnis geworden, galt Sälzer aber nicht. „Sälzer ist keine Galionsfigur wie etwa sein Vorgänger, der Kreative Werner Baldessarini“, heißt es in Metzingen. Der Konzern Hugo Boss sei dank Sälzer eine gut geölte Maschine, die aber eben auch ohne Sälzer laufe.

Das Verhängnis, keine Galionsfigur zu sein, könnte für die Zukunft aber auch von Vorteil sein. Die Suche nach einem neuen Job dürfte Sälzer leichter fallen als seinen Vorgängern. Und dass der Boss der Bosse sich ganz aufs Fußballspielen mit seinen vier Söhnen konzentrieren wird, erwartet keiner, der ihn kennt.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin
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