Im Gespräch mit: Christine Bortenlänger
„Frauen raus aus der warmen Badewanne!“

Mit 33 Jahren wurde sie als erste Frau Chef einer deutschen Börse – als Co-Geschäftsführerin in München. Heute wird Christine Bortenlänger zur „Managerin des Jahres 2007“ gekürt. Im Handelsblatt-Interview spricht sie über Frauen im Chefsessel, Nachwuchs und den weiblichen Führungsstil.

Frau Bortenlänger, warum sitzen so wenige Frauen im Chefsessel?

Weil es zu wenige Vorbilder gibt, die als Leuchttürme für alle sichtbar sind. Bezeichnend ist, dass in Dax-Konzernen Frauen als Vorstände fehlen. Die Folge: In den Berichten über Großunternehmen kommen Managerinnen quasi nicht vor. Das verzerrt die Realität, denn im Mittelstand etwa gibt es durchaus erfolgreiche Chefinnen. Auch Angela Merkel, die sich als Physikerin und Kanzlerin in Männerdomänen behauptet, ist ein so wichtiges Vorbild – für beide Geschlechter.

Stoßen Frauen auf dem Weg nach oben an die Gläserne Decke?

Statt der Gläsernen Decke sehe ich etwas ganz anderes: die warme Badewanne, in der Frauen sich so gerne tummeln. Traut sich eine heraus, steht sie plötzlich alleine und frierend da. Doch wer Karriere machen will, muss raus aus der wohligen Wanne! Meine Erfahrung: Viele Frauen wollen gar nicht in Führung gehen – mit allen Konsequenzen wie Verantwortung tragen, ungewisse Entscheidungen fällen, länger und mal am Wochenende arbeiten. Die Unannehmlichkeiten einer Karriere sind es vielen nicht wert. Sicher ist auch die Haltung der Gesellschaft schuld daran: Wer’s als Frau nach oben schafft, muss ja Haare auf den Zähnen haben. So ein Image mag niemand. Genauso geächtet ist die Nur-Hausfrau. Schizophren.

Hatten Sie das Gefühl, mehr leisten zu müssen als Männer?

Nein, aber ich hatte immer das Gefühl, mir keinen Schnitzer leisten zu dürfen. Fehler werden Männern im Job eher verziehen als Frauen. Eine Gleichstellung von Frauen ist erst dann erreicht, wenn genauso viele mittelprächtige Frauen Karriere machen wie mittelprächtige Männer.

Sie sind früh Mutter geworden und konnten dann durchstarten. Manövrieren sich Frauen durch falsches Nachwuchs-Timing selbst aufs Abstellgleis?

Mit 21 Jahren Mutter werden, das war im Nachhinein perfekt für mich, obwohl es nicht so geplant war. Ein Kind lässt sich viel leichter mit dem Studium vereinbaren als mit dem Beruf. Ich lernte, Kind, Uni, Haushalt, Nebenjob und Basketball unter einen Hut zu bringen. Meine prägende Erfahrung dabei: Es bricht nicht alles zusammen, wenn’s mal nicht planmäßig läuft. Gelassenheit ist auch im Beruf ganz entscheidend. Damals habe ich 80 Prozent-Lösungen schätzen gelernt. Viele Frauen unterliegen im Job dem Irrtum, sie müssten alles perfekt machen.

Führen Frauen denn anders?

Frauen haben mehr Empathie. Männern etwa widerstrebt es, in Verhandlungen persönliche Befindlichkeiten anzusprechen. Die sind im Geschäftsleben aber oft kriegsentscheidend. Männer wollen Ziele durchsetzen, zur Not durchprügeln. Frauen nehmen Dinge durch unterschiedliche Sozialisation intuitiver wahr, haben deshalb eine andere Strategie der Durchsetzung. Fakt ist: Gemischte Teams arbeiten besser. Die meisten Unternehmen nutzen Wissen und Können von Frauen viel zu wenig, selbst Weltkonzerne. Das ist bedenklich.

Was halten Sie von betrieblichen Förderprogrammen für Frauen?

Von Quotenfrauen halte ich nichts. Die müssen sich stets rechtfertigen. Viel wirksamer ist es, so früh wie möglich Hemmschwellen für Frauen abzubauen – beim Girls’ Day oder Tag der offenen Tür an der TU. Sensibilisieren ist wichtiger als Quoten.

Hilft es, wenn Frauen sich im Job in Netzwerken solidarisieren?

Wenn Mädchen nur mit Mädchen spielen, bringt ihnen das gar nichts. Frauen sollten sich in Branchennetzwerken engagieren. Dort sitzen die Leute, die etwas bewegen können. Frauennetzwerke sind künstlich. Genauso aufgesetzt wie Herrenclubs.

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