Im Zweifel für die Angeklagten
Überraschungscoup im Saal 111

Es ist genau zwei Minuten nach 15 Uhr, als sich die schwere Holztür öffnet. Die drei Staatsanwälte, sie sind spät dran an diesem Nachmittag, haben gerade erst ihre Roben übergestreift, als die Vorsitzende Richterin Brigitte Koppenhöfer auch schon den Saal 111 des Landgerichts Düsseldorf betritt, jenen teilweise holzgetäfelten Raum, in dem seit Ende Januar das wohl spektakulärste Wirtschaftsstrafverfahren der deutschen Nachkriegsgeschichte verhandelt wird.

DÜSSELDORF. Der Saal ist gut gefüllt, draußen strahlt die Sonne, mächtige Satellitenschüsseln ragen vor dem Gerichtsgebäude in den kaiserblauen Himmel. Die Übertragungswagen der TV-Anstalten signalisieren schon, dass sich heute, hier und jetzt, Wegweisendes ereignen könnte.

Das Programm im Mannesmann - Verfahren sieht für diesen Tag ein so genanntes Rechtsgespräch zwischen den Verfahrensbeteiligten vor. Die Kammer will also hinter verschlossenen Türen mit Staatsanwaltschaft und Verteidigung den Stand der Beweisaufnahme diskutieren und anschließend der Öffentlichkeit ihr Zwischenfazit präsentieren. Viel ist spekuliert worden in den vergangenen Tagen über die Abtrennung einzelner Verfahrensteile, über Einstellungen gegen Geldauflagen und über die Straffung der Zeugenliste. Doch das, was die Richterin schließlich zu verkünden hat, überrascht fast jeden Prozessbeobachter.

Brigitte Koppenhöfer geht also zu ihrem Tisch, bittet die Anwesenden wie immer mit kurzen, um nicht zu sagen scharf klingenden Worten doch "Platz zu nehmen" und kommt gleich zur Sache. "Die Kammer hat ein vorläufiges Resümee gezogen, in dem teilweise der Grundsatz ,im Zweifel für den Angeklagten? zur Anwendung gekommen ist."

Dann spricht sie vielleicht drei, höchstens vier Minuten, ehe klar ist, dass die sechs Angeklagten, darunter unter anderen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Ex-Mannesmann-Lenker Klaus Esser, der ehemalige Mannesmann-Aufsichtsratschef Joachim Funk und der frühere IG-Metall-Vorsitzende Klaus Zwickel, mit Freisprüchen rechnen können. Um zehn nach drei unterbricht sie die Hauptverhandlung, und die Journalisten drängen aus dem Saal, um die überraschenden Neuigkeiten in ihre Redaktionen zu telefonieren.

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