Immobilien: Was macht eigentlich Jürgen Schneider?

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Was macht eigentlich Jürgen Schneider?

Utz Jürgen Schneider hat die Deutsche Bank und rund 50 weitere Institute über Jahre mit falschen Angaben betrogen und für seine Sanierungen in Ost und West Milliardenkredite erschlichen. 15 Jahre später veröffentlicht Schneider Bücher und spricht wieder mit der Presse. Geläutert sei er, nur die Banken hätten wenig dazugelernt, findet er.

BONN. Es war Gründonnerstag 1994, vor ziemlich genau 15 Jahren. Utz Jürgen Schneider, Immobilieninvestor, verabschiedete sich von seinen Mitarbeitern zum Osterurlaub in die Toskana. Sieben Tage später kam ein Fax in seinem Firmensitz - einem Schlösschen im Taunus - an. Sein Anwalt meldete sich mit einer Generalvollmacht. Er übernehme die Geschäfte. Jürgen Schneider sei krank, ließ der Anwalt wissen, der Baulöwe ziehe sich aus dem operativen Geschäft zurück. Die Deutsche Bank möge den Rest koordinieren. Schneider hatte sich abgesetzt.

Die Prüfer der Bank machten sich sofort über das Schlösschen her. Schneider hatte die Deutsche Bank und rund 50 weitere Institute über Jahre mit falschen Angaben betrogen und für seine Sanierungen in Ost und West Milliardenkredite erschlichen. Zurück blieb ein Schuldenberg von 5,4 Mrd. Mark.

Heute, 15 Jahre und eine zu zwei Dritteln verbüßte Haftstrafe von sechs Jahren und neun Monaten später, veröffentlicht Schneider Bücher und spricht wieder hier und da mit der Presse. Er lebt vom Vermögen seiner Familie. Geläutert sei er, nur die Banken hätten wenig dazugelernt, findet er. Im geschichtsträchtigen Grandhotel Petersberg bei Bonn kennt man ihn, seine Tochter wohnt in der Nähe. Der ideale Treffpunkt, nicht nur weil es hier ruhig ist. Historisch bedeutsam und prachtvoll ist der Komplex, so wie die Häuser, die er früher saniert hat. Aber er ist nicht mehr derselbe. Der knapp 75-Jährige, Anzug und silberfarbener Lockenkranz, trägt längst keine Toupets mehr. Ehrlichkeit ist ihm jetzt wichtig. Und er rühre auch kein Bauwerk mehr an. "Das habe ich meiner Frau versprochen." Denn das Sammeln schöner Häuser sei wie Alkoholismus gewesen, er habe teuer bezahlt.

Seine damaligen Gegenspieler aber, die Banken, funktionierten noch wie damals, sagt er mit Blick auf die heutige Bankenkrise. Immer wieder betont er, seine Geschäftspartner hätten das Spiel genauso gekannt wie er. Mit dem Unterschied, dass nur er hinter Gitter musste. Und der damalige Deutsche-Bank-Sprecher Hilmar Kopper den Fall als "Peanuts" abtat.

Um der Sache gerecht zu werden: Der Betrüger war er, den Schaden hatten die Banken. Doch auch sein Richter, Heinrich Gehrke, hat im Urteil 1997 die Rolle der Banken höchst kritisch beschrieben. "Mit schier unglaublichem Leichtsinn rannten die Banken dem vermuteten Großinvestor die Türen ein, um - möglichst vor der Konkurrenz - ihre Kredite loszuwerden", hieß es darin. Die Geldhäuser hätten das Handeln Schneiders fahrlässig provoziert. Eine Schuldminderung.

So hat ihm ein selbstständigerKreditvermittler, der Provision kassierte, sein erstes überdimensioniertes Darlehen bei der Deutschen Bank verschafft und später das Projekt für die Bank kontrolliert. Neue Gesetze haben seither dafür gesorgt, dass so ein Fall nicht mehr vorkommen kann. Kredite müssen nach streng standardisierten Verfahren vergeben werden. Doch die Felder, auf denen Finanzinstitute leichtfertig überhöhte Risiken eingingen, hätten sich nur verlagert, sagt etwa Hans-Peter Burghof, der an der Universität Hohenheim Bankwirtschaft lehrt. "Es sind Menschen, die das steuern, wenn die ungeschoren davon kommen, ändern sie sich nicht", sagt Schneider.

Zurück in die frühen 90er-Jahre. Mädlerpassage und Barthelshof in Leipzig, Schillerpassage, Zeilgalerie in Frankfurt. Bei eindrucksvollen Geschäftsessen in seinem Schlösschen im Taunus und mit gefälschten Unterlagen für jeden neuen Bau gelang es Schneider, Hunderte von Mio. D-Mark an Krediten lockerzumachen. Allenfalls der Hauptmann von Köpenick habe ähnlich erkannt, dass in unserer Gesellschaft, und bei den Banken im Besonderen, Schein vor Sein geht, urteilte Richter Gehrke. Immer mehr Geld nahm Schneider für neue Projekte auf, genug, um damit auch die Zinsen der alten zu bezahlen. Denn die Mieteinnahmen reichten besonders gegen Ende bei Weitem nicht mehr. Ein Schneeballsystem.

"Ich bin wohl einer der ganz wenigen, die das Thema Kreditgeschäft so durchlebt haben", sagt Schneider. Die Objekte mussten spektakulär sein, die Kalkulation plausibel. In der Aufbruchstimmung der Wiedervereinigung habe er schlicht eine Idee verkauft. Und zwar ganz oben, bei den Vorständen. Denn kaum ein anderes Unternehmen funktioniere so hierarchisch wie eine Bank. "Es ging um Summen von 150, 200, 300, 400 und 450 Mio. Mark, das bedeutete hohe Provisionen, gute Ergebnisse entsprechende Boni und Macht." Die nötigen Gutachten lieferte eine Tochterfirma Schneiders. Sein größtes Vorzeigeobjekt wurde der Fürstenhof in Frankfurt, für den er 215 Mio. D-Mark einsammelte, und den er 1990 an eine japanische Bank für 415 Mio. verkaufte.

Danach gab es kein Halten mehr. Schneider kaufte und kaufte, die Geldhäuser zahlten. Er fingierte Kosten, Erträge und Mietverträge. Für den Neubau der Zeilgalerie, ein Ladenkomplex in Frankfurt, erhöhte er die Nutzfläche von 9 000 auf 22 000 Quadratmeter. Die korrekte Zahl stand auf dem Bauschild. Dem Bernheimer Palais in München gab er zwei Stockwerke mehr. Niemandem fiel es auf. "Jede Bank wollte mitverdienen, eine besser sein als die andere, das System habe ich nur ausgenutzt", sagt er heute. Es sei wie mit den Bankentürmen in Frankfurt gewesen. Wer hat das höchste Hochhaus? "Was die Menschen denken, drückt sich im Bauen aus." Als dann die Konjunktur drehte, hätten seine Partner aus Angst nicht mehr genau hingeschaut. "Die nächsten Kredite flossen, weil alle wussten, dass ich sonst in Schwierigkeiten komme."

Als Konsequenz aus dem Fall erließ die Bankenaufsicht 2002 neue Mindestanforderungen aus dem Kreditgeschäft (MaK). Danach müssen Kundenkontakt und Kreditrisikoprüfung einer Bank von streng getrennten Abteilungen durchgeführt werden. Die Risiken werden nach standardisierten Programmen eingestuft. Schneider hätte heute keine Chance mehr, meint Bankenexperte Burghof. Stattdessen halten deutsche Banken heute faule Wertpapiere und Verbriefungen im Wert von schätzungsweise 300 Mrd. Euro. Diesmal haben sie den Ratingagenturen zu viel geglaubt. "Das Kontrollsystem ist bürokratischer geworden, aber nicht unbedingt besser", so Burghof. Zu schnell wechselten auch heute noch in vielen Geldhäusern zudem die Verantwortlichen: "Man hat bei vielen Banken den Job nicht lange genug, um die Konsequenzen zu tragen."

"Bei mir waren es teure Prachtbauten, heute sind es die Häuser niedriger Einkommensbezieher in Amerika", sagt Schneider. Auf dem Rückweg zum Wagen kommt er mit einem Besucher des Petersbergs ins Gespräch. Als der Baulöwe Schneider gibt er sich zu erkennen und posiert auch gerne für ein Foto. Ein Betrüger ist er längst nicht mehr, aber immer noch eitel.

Rausch und Ernüchterung nach der Wende

Der Immobilienboom

Nach dem Fall der Mauer steigen die Mieten und Immobilienpreise in Deutschland rasant nach oben. Die Angst vor einer Geldentwertung durch die Währungsunion und steuerliche Sonderabschreibungen veranlassen Investoren, wie nie zu vor in Immobilien zu investieren. Die AfA-Regelungen erlauben Anlegern, 50 Prozent ihrer Engagements in Ostdeutschland sofort abzuschreiben. Mieter oder Käufer einer Liegenschaft zahlen fast jeden Preis, die Gebäude lassen sich schon bald nach Erwerb mit Gewinn weiterverkaufen. In den neuen Bundesländern werden Millionen von Quadratmetern Büro- und Ladenflächen aus dem Boden gestampft.

Der Preiseinbruch

Zunächst zahlten Interessenten etwa an der Berliner Prachtstraße "Unter den Linden" Spitzenmieten von bis zu 100 D-Mark je Quadratmeter. Doch wie in einem Schweinezyklus werden Anfang der 90er-Jahre fast alle Projekte gleichzeitig fertig. Es entsteht ein gigantisches Überangebot. Mieten und Grundstückspreise sinken drastisch. Nach dem Fall Schneider werden Banken vorsichtig. Es folgen weitere Pleiten, andere Firmen geraten ernsthaft in Schieflage.

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