In vielerlei Hinsicht das Gegenteil seines Vorgängers
Ein Therapeut für das Flaggschiff

Nach erbitterten Grabenkämpfen hat die „New York Times“ einen neuen Chefredakteur. Bill Keller, der neue Redaktionschef, ist keiner, der gern mit der Faust auf den Tisch haut.

WASHINGTON. In der Nachrichten-Redaktion der „New York Times“ ist es mucksmäuschenstill. Rund 1200 Journalisten stehen dicht gedrängt um Computer und Schreibtische. Mit bedächtigen Schritten tritt ein Mann ans Mikrofon und sagt einen Satz, der an diesem Tag noch oft die Runde machen wird: „Es mag sich gefühlsduselig anhören, aber Reporter sind auch Menschen“, predigt der Herr mit dem grau melierten Haar. „Und sie sind sogar bessere Reporter, wenn sie nicht ständig in Arbeit versinken und Angst haben müssen, ihre Familien zu vernachlässigen.“

Bill Keller, der neue Chefredakteur der „New York Times“, hat soeben eine kleine Kulturrevolution eingeläutet. Applaus brandet auf, die Redakteure trauen ihren Ohren nicht. „Wann hat uns jemand zum letzten Mal daran erinnert, dass wir mehr Zeit mit unseren Partnern und Kindern verbringen sollen“, schwärmt die Finanz-Kolumnistin Gretchen Morgenson.

Der neue Redaktionschef ist keiner, der gern mit der Faust auf den Tisch haut. Der 54-Jährige spricht ruhig, fast leise: „Ich stehe nicht auf laute Partys“, sagt er über sich selbst. „Meine Frau bezeichnet mich manchmal als Sozialautisten, weil meine Fähigkeiten zum Smalltalk nicht sehr ausgeprägt sind.“ Das klingt bescheiden für einen der mächtigsten Journalisten der Welt.

Die Berufung des eher zurückhaltenden Keller ist für Experten keine Überraschung. Denn das Renommierblatt – für manche die beste Zeitung der Welt – hat turbulente Zeiten hinter sich. Zum Knall kam es am 5. Juni dieses Jahres, als der exzentrische Chefredakteur Howell Raines und sein Vize Gerald Boyd mehr oder weniger freiwillig ihre Posten aufgaben.

Raines war im September 2001 angetreten, um das Blatt aufzumischen. „In der Zeitung herrschten damals Selbstzufriedenheit und Lethargie“, rechtfertigte sich Raines dieser Tage in einem Fernsehinterview. Deshalb drückte der 60-Jährige aufs Tempo und stachelte seine Mannschaft pausenlos zu Höchstleistungen an. „Mehr wettbewerbsorientierter Stoffwechsel“ lautete seine Marschroute. Der Erfolg schien dem Antreiber Raines Recht zu geben: Sieben Pulitzer-Preise bekam die Zeitung für ihre Berichterstattung nach den Anschlägen vom 11. September – ein einsamer Rekord. Mit einer Auflage von 1,7 Millionen Exemplaren und einem Jahresbrutto-Erlös von 1,8 Milliarden Dollar rangiert das Blatt auf Platz drei in der US-Presselandschaft.

Doch hinter der glanzvollen Fassade gärte es, die Redaktion fühlte sich entmündigt. „Raines zog alles an sich, führte die Ressortleiter vor und puschte gnadenlos seine Lieblinge“, kritisiert ein Reporter. Einer dieser Lieblinge war der 27-jährige Jayson Blair. Der farbige Jung-Reporter fühlte sich in der Atmosphäre des Drucks sichtlich wohl und lieferte jede Menge schön geschriebener Geschichten ab. Der Haken an der Sache: Viele dieser Artikel waren abgekupfert oder erfunden. Die angeblichen Reportagen aus Florida oder Virginia entstanden oft in New Yorker Fast-Food-Restaurants. Den Kontakt mit der Zentralredaktion hielt der findige Blair über Handy.

Es gab Warnungen, doch sie wurden ignoriert. So teilte der New Yorker Lokalchef Jonathan Landman leitenden Redakteuren per E-Mail mit, dass Blairs Geschichten mit sachlichen Fehlern gespickt seien. „Der Mann ist außer Kontrolle“, wetterte Landman. Trotzdem wurde Blair befördert. Ende vergangenen Jahres durfte er nach Washington, um über die Morde eines Heckenschützen zu berichten. „Blair ist ein Talent“, hielt die Ausbildungsredakteurin an ihrer Einschätzung fest. Als Blairs getürkte Artikel in anderen Medien Staub aufwirbeln, zieht Herausgeber Arthur Sulzberger die Notbremse: Raines und sein Stellvertreter müssen gehen.

Bill Keller sei ein „großer Journalist“ und ein „großer Manager“, lobt Sulzberger jetzt seinen neuen Chefredakteur. Dass er im September 2001 den energischen Raines dem bedächtigen Keller – damals die Nummer zwei – vorzog, erwähnt Sulzberger nicht.

Der Neue ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil seines Vorgängers: Therapeut und eben nicht Schinder. Er wolle, dass Nachrichten „ohne Angst oder Begünstigung" verbreitet würden, unterstrich Keller, als er sich vorstellte. Die Ressort-Chefs sollten mehr Kompetenzen erhalten und Kontrollmechanismen gegen Fehlerquellen einrichten. Der Redaktion, die nach dem Blair-Skandal in etlichen Arbeitsgruppen einen schmerzlichen Blick nach innen richtete, gab er den Rat: „Ein wenig Selbstbetrachtung kann anregend sein, aber zu viel davon ist Gift.“ Worte, die offenbar wie Balsam wirkten. „Keller hat ein sehr warmes, sehr positives Grundgefühl vermittelt“, lobte Redakteurin Gail Collins.

Keller gilt in der Branche als As. Für die „New York Times“ berichtete er aus Washington, Moskau und Johannesburg. Für seine Arbeit über die untergehende Sowjetunion wurde Keller, der mit der Autorin Emma Gilbey (Biografie über Winnie Mandela) verheiratet ist, 1989 mit dem Pulitzer-Preis gekrönt.

Durch klassische journalistische Tugenden will er das Blatt nun auf Vordermann bringen. Sein Motto klingt wie ein Loblied auf die gute alte Zeit – und wie eine indirekte Kampfansage an Raines: „Viele Geschichten erfordern Geduld und handwerkliches Können und weniger die Erstürmung von Barrikaden.“

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%