Industriellentochter
Julia Stoschek: Kunst statt Autoteile

Sie könnte ihre Millionen auch anders durchbringen. Julia Stoschek, Millionenerbin mit Mannequin-Figur und Glamour-Faktor, hätte alles, um das deutsche It-Girl zwischen München und London, New York und L.A. zu geben: Geld, Aussehen, einen gewissen Sinn für die Selbstinszenierung und wohl auch dafür, zum richtigen Augenblick die richtigen Leute kennenzulernen. Stattdessen macht die 33-Jährige Videokunst - und das auch noch sehr erfolgreich.

DÜSSELDORF. Statt zur Freude von Bunte und Gala, von RTL exclusiv und Bild, die reiche Industriellentochter zu spielen und Papas Geld mit Party und Shopping auf den Kopf zu hauen, hat sich die 33-Jährige ausgerechnet in die intellektuell-verkopfte Videokunst verliebt, die nicht einmal auf den Kunst-Party-Events wie Art Basel oder Art Miami Beach eine Rolle spielt. In Rekordzeit hat sich Stoschek den Ruf und Status einer der wichtigsten jungen Kunstsammler Deutschlands erarbeitet. Mehr noch: Mit über 400 Arbeiten ist ihre Videokunst-Sammlung hierzulande einzigartig.

Anfangs nur als attraktives Anhängsel des international erfolgreichen Düsseldorfer Starkünstlers Andreas Gursky gehandelt, konzentrierte sich die Presse mehr auf die hochhackigen Schuhe und Designerklamotten der Porsche fahrenden Unternehmertochter, die sie in schöner Einfältigkeit mit Nettigkeiten wie „Prinzessin“, „Püppchen“ oder „junges Küken“ bedachte.

„Julia Stoschek ist extrem geschickt, was ihre eigene Imagepflege anbelangt“, sagt die Videokunst-Expertin Lydia Haustein, Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und der FU Berlin. „Ihre Verbindung zu Gursky hat ihr zweifellos geholfen, Zugang zu wichtigen Künstlern und Museen, wie etwa dem Museum of Modern Art (MoMa) in New York zu bekommen. Aber ihr Engagement für die Videokunst ist echt.“ Heute ist auch in der notorisch missgünstigen und klatschsüchtigen Kunstszene unstrittig, dass Julia Stoschek eine ernsthafte Kunstsammlerin mit eigener Handschrift ist.

„Ich schätze Julia Stoschek sowohl menschlich als auch in ihrer Funktion als Sammlerin sehr“, erklärt Ulrike Groos, die Direktorin der Kunsthalle Düsseldorf. „Mit ihrer ausgezeichneten Sammlung zur Medienkunst hat sie in Düsseldorf eine Lücke geschlossen und ist entgegen aller Trends mit ihren beeindruckenden Ausstellungsräumen nicht nach Berlin abgewandert. Außerdem erwirbt sie regelmäßig unbekannte, noch nicht etablierte Positionen. Das ist mutig und wichtig.“

„Ich bin Jahrgang 1975. Ich bin mit MTV aufgewachsen. Und aus meiner Kindheit und Jugend gibt es viele Szenen auf Video“, versucht Stoschek eine gleichsam natürliche Affinität zu den bewegten Bildern zu erklären. „Video mochte nie jemand. Ich fand es immer großartig. Tatsächlich sammelt Stoschek vor allem Künstler ihrer Generation, mit denen sie oftmals auch in persönlichem Kontakt steht. Aber sie kauft auch repräsentative ältere Arbeiten, ja ganze Werkgruppen. Kurzum: Sie baut systematisch eine Sammlung auf.

Dabei ist Stoschek nicht in einem kunstsinnig-kulturbeflissenen, sondern in einem leistungs- und erfolgsorientierten Elternhaus aufgewachsen. Wenn es etwas gibt, das Stoschek in die Wiege gelegt worden ist, dann sind es Autos. Der in der oberfränkischen 40 000-Einwohner-Stadt Coburg beheimatete, von Julia Stoscheks Urgroßvater begründete Autozulieferer Brose ist einer der Großen der Branche. Technik für Autotüren und Sitze, Schiebedächer, Gurtraffer, Fensterheber, Elektromotoren, elektronische Bremssysteme (ABS), Motorkühlung/Klimatisierung sind sein Geschäft. Die Kundenliste reicht von Alfa Romeo bis Volvo, von BMW bis Toyota. Brose ist mit mehr als 30 Herstellern im Geschäft. „In jedem fünften Auto, das auf der Welt produziert wird, steckt irgendein Erzeugnis von uns“, vermerkte einmal mit Stolz Brose-Boss Michael Stoschek.

Das Familienunternehmen beschäftigt 14500 Mitarbeiter an 52 Standorten in 21 Ländern und machte 2,5 Milliarden Euro Umsatz im vergangenen und mehr als drei Milliarden Euro in diesem Jahr. Gewinnzahlen werden nicht veröffentlicht. Gegenüber einem Journalisten verplapperte sich Unternehmenspatron Michael Stoschek doch einmal und ließ durchblicken, dass die Umsatzrendite fünf Prozent erreicht. Julia Stoschek ist eine von fünf Gesellschaftern des in Form einer GmbH & Co. KG geführten Familienunternehmens. Das Brose-Vermögen taxiert das „Manager Magazin“ in seiner jüngsten Rangliste der reichsten Deutschen auf 900 Millionen Euro. Damit wären die Broses vermögender als bekanntere Reiche wie die Thurn & Taxis (600 Millionen), Gunter Sachs (500 Millionen) oder Friedrich Christian „Mick“ Flick (400 Millionen).

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