Infineon-Prozess
„Gib dem Andreas auch was“

Ex-Infineon-Vorstand von Zitzewitz packt aus: Er habe Bestechungsgeld angenommen. Schließlich hatte er für sich und seine Söhne teures Hobby zu bezahlen. Und er zahlte immer in bar.

MÜNCHEN. Motorradrennen sind eine teuere Sache, vor allem wenn man selber mitfährt. Andreas von Zitzewitz gönnte sich den Spaß für sich und seine Söhne. Sechsmal im Jahr war das Trio auf der Piste. „Reifen und Startgeld sind das Teuerste“, erinnert sich von Zitzewitz. Im Schnitt ein Satz Pneus pro Rennen fällt der Strecke zum Opfer, zusammen mit dem Startgeld sind da schon mal 2 000 Euro für den Familienausflug weg.

Doch Papa zahlte immer bar: Geld war für das teure Hobby immer da. Auf Rennstrecken sind 500-Euro-Scheine ein übliches Zahlungsmittel, klärt der Familienvater das Gericht auf.

Andreas von Zitzewitz, Elektroingenieur und ehemaliger Vorstand des Halbleiterkonzerns Infineon, ist Zeuge vor dem Münchener Landgericht. Angeklagt ist Ralf Udo Schneider, Zitzewitz’ „Sportkamerad“. Der soll den Infineon-Vorstand geschmiert haben, damit der Konzern weiter Millionen in ein dubioses Motorsportsponsoring steckt.

Und Zitzewitz hat genommen, wie er an diesem Donnerstagmorgen im Zeugenstand des Münchener Landgerichts zugibt. Dass er sich selbst schwer belastet, nimmt er in Kauf. Schließlich stehe er „nicht im Zentrum“ des Skandals, wie er betont.

Seit Monaten versuchen die Ermittler, Licht in die Geschehnisse um das Sponsoringgebaren des Infineonkonzerns zu bringen. Im Zentrum stehen insgesamt 259 000 Euro, die laut Staatsanwaltschaft von Schneiders Beraterfirma in den Jahren 2001 bis 2004 an Infineon-Manager geflossen sein sollen. Die Siemens-Tochter hat in diesen Jahren der Halbleiterkrise einen Porsche-Rennstall gesponsert. Die Manager hatten im Motorsport die Möglichkeit, den Kunstnamen Infineon bekannt zu machen, sagt Zitzewitz. Dass die Herren selber gerne einen heißen Reifen fuhren und sich mit dem Glamour der Boxengassen umgaben, war wohl ein schöner Nebeneffekt. Das Umfeld der Halbleitermanager wurde halbseiden.

„Sponsoring fiel in den Aufgabenbereich von Herrn Schumacher“, sagt Zitzewitz und meint den damaligen Vorstandschef Ulrich Schumacher. Doch auch Produktionsvorstand Zitzewitz war von dem Porsche-Rennstall so begeistert, dass er selbst Ko-Sponsoren akquirierte. Denn in den Jahren ab 2001 rutschte Infineon in die Krise, und die 10 bis 20 Millionen Euro, die der Konzern bisher in die Formel 1 gesteckt hatte, waren den Rennsportfreunden in der Chefetage dann doch zu viel.

Deshalb beschränkte man sich auf ein Budget von drei bis vier Millionen Euro und unterstützte Audi- und Porsche- Rennserien. Und wenn man für den eigenen Porsche-Rennstall noch ein paar Ko-Sponsoren finden könnte, umso besser.

Dank persönlicher Kontakte hat Zitzewitz noch ein paar Rennsportfreunde geworben, darunter prominente Namen wie DHL oder Canon. Doch die Einnahmen von rund 1,5 Millionen Euro, die eigentlich Infineon zustanden, flossen auf die Konten der BF-Consulting, der Firma von Ralf Udo Schneider. Bei Infineon prüfte das auch niemand nach. Damit das so blieb, verteilte Firmenchef Schneider Briefumschläge mit Barem. Zitzewitz gibt zu, zwischen 70 000 bis 100 000 Euro kassiert zu haben. Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen ihn. „Die Geldübergaben erfolgten in der Regel in meinem Büro“, sagt Zitzewitz, dessen ergrautes Gesicht mit seiner drahtigen Erscheinung nicht in Einklang steht. Wie bei einer Vorstandsklausur gibt er zu Protokoll, wie er das Geld annahm. Schneider kam, Zitzewitz kassierte. „Das Geld habe ich immer in die Seitentasche meiner Geschäftstasche gesteckt“, sagt der 46-Jährige, der vor gut einem Jahr bei Infineon abdankte. Nachgezählt wurde nicht, man kannte sich ja.

„Ich habe mich bei dem ganzen Vorgang nicht wohl gefühlt“, bekennt Zitzewitz. „Über das Geld habe ich mich trotzdem gefreut.“ Neue Felgen für sein Edelmotorrad aus dem Hause Ducati hatte er vor Augen. Wert: 3 600 Euro. Auch ein Unfallschaden seines Mercedes A-Klasse habe er mit dem Geld aus der Welt schaffen können. Und die flotten Motorradrennen mit seinen Söhnen natürlich.

Doch dann kamen die Zweifel, angeblich sogar bei jeder Geldübergabe aufs Neue. Doch Motorsportkumpel Schneider suchte das zu zerstreuen. Ulrich Schumacher, Vorstandschef und oberster Motorsportfreund bei Infineon, sei wohl auch mit von der Partie, habe Schneider wissen lassen. „Du kannst dir ja denken, dass der Uli nicht zu kurz kommt“, habe Schneider gesagt. Persönlich habe sich der Vorstandsvorsitzende in die Angelegenheit eingemischt. „Gib dem Andreas auch was“, soll Schumacher dem Herrn Schneider mit auf den Weg gegeben haben. Zudem will Zitzewitz beobachtet haben, wie Schumacher in einem Luxusrestaurant einen Umschlag angenommen hat. Ein Sprecher Schumachers streitet das aber ab. „Schumacher hat keinen Cent genommen.“

Eine spannende Aussage, zumal Schneider als auch Schumacher beharrlich schweigen. Dem Gericht hingegen liegt eine längere Liste vor, auf der Treffen und Geldübergaben von Schneider dokumentiert sind. In mindestens einem Fall stimme die Rechnung auch gar nicht mit seinen eigenen Speisegewohnheiten überein, sagt Zitzewitz. So sei einmal die Vorspeise „Vitello Tonnato“ doppelt auf der Rechnung vermerkt: „Es war eine Auffälligkeit von Herrn Schumacher, von leckeren Dingen immer das Doppelte zu bestellen“, sagt Zitzewitz.

Der Prozess wird fortgesetzt, noch ist Schumacher als Zeuge nicht benannt.

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