Interview
„90 Prozent sind mit ihrem Job unzufrieden“

Fleiß, Disziplin, Pünktlichkeit - die Deutschen sind für ihre Sekundärtugenden bekannt. Doch tatsächlich fühlen sich viele in ihrem Beruf nicht wohl: 90 Prozent sind unzufrieden, wie Studien belegen. Der Psychologe Manuel Tusch beschäftigt sich seit Jahren damit, wie Menschen ihren Beruf wahrnehmen. In seinem Buch "Das Frustjobkillerbuch" gibt er Tipps, wie man zufriedener sein kann.
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Inwiefern sind Deutsche mit ihrem Job häufig unzufrieden?

Sehr viele Deutsche sind mit ihrem Beruf unzufrieden - laut Studien sind es 90 Prozent. Der Wert liegt deutlich über dem der Arbeitnehmer in den USA. Aber auch in Europa ist das ein Spitzenwert.

Welche Gründe gibt es dafür?

In anderen Ländern gibt es eine realistische Sicht auf den Beruf. Vor allem in den USA wird der Job als ein Tauschgeschäft wahrgenommen: Ich gebe Arbeitszeit und bekomme Lohn. In Deutschland sehen viele Menschen das, was sie geben, im Verhältnis sehr deutlich im Vordergrund. Die Erwartungen an den Verdienst, aber auch das Spaßpotential, ist erheblich höher als im Ausland.

Verändert es etwas, dass nun in der Wirtschaftskrise viele Mitarbeiter freigesetzt werden?

Zum Teil. Bei einigen steigt die Unzufriedenheit, weil der Druck auf sie größer wird. Es kommt ja durchaus vor, dass Chefs sagen: Sie können froh sein, dass Sie überhaupt einen Job haben. Auf der anderen Seite steigt auch oft der Grad der Kollegialität. Wirtschaftlicher Druck kann ja auch zusammenschweißen.

Ist die Unzufriedenheit denn gerechtfertigt oder liegt das Problem eher in den Menschen selbst?

Natürlich haben in Deutschland nicht 90 Prozent der Arbeitnehmer den falschen Job, auch wenn sie das glauben. In der Regel löst der Wechsel zu einer anderen Firma das Problem auch nicht. Die Grundprobleme bleiben dann gleich, egal für wen wir arbeiten: Wir werden uns immer über das Gehalt, den Chef oder die Kollegen ärgern.

Was kann man tun, um mit seinem Job zufriedener zu sein?

Jeder muss an sich selbst arbeiten. Dazu gehört vor allem ein gesunder Erwartungsmix. Wenn wir von allem - Geld, Verantwortung, Status - ein bisschen, aber von nichts zu viel erwarten, dann werden wir viel entspannter und zufriedener sein. Gleichzeitig kann es hilfreich sein, dass wir lernen zu teilen: Wir sind zwar alle Individuen, aber gleichzeitig auch Teil einer riesigen Masse, die tagtäglich funktionieren muss. Deshalb kann uns unser Chef z. B. nicht für jeden Handgriff ein Denkmal setzen. Er hat außer uns noch 20 andere Mitarbeiter zu betreuen, die auch alle gelobt werden wollen.

Führt die Wirtschaftskrise dazu, dass die Menschen froh sind, überhaupt einen Job zu haben?

Tatsächlich führt die Krise bei vielen Arbeitnehmern zu einem höheren Grad an Dankbarkeit. In schwierigen Zeiten richtig man sein Bewusstsein eher auf die Gegenwart und das, was man noch hat. Solange es nämlich einigermaßen läuft, sind wir sehr stark mit der Zukunft beschäftigt, mit Plänen und Projekten. Darüber geht dann das, worüber wir uns freuen könnten und wofür wir dankbar sein könnten, gerne auch mal verloren.

Nun sind Manager und gerade Bankenchefs stark in die Kritik geraten, auch wegen der Boni. Wie wirkt sich das auf die Motivation von Mitarbeitern aus?

Es hat sich zuletzt eine gewisse Hilflosigkeit unter vielen Arbeitnehmern breit gemacht. Sie bekommen derzeit eher das Gefühl, keinen Einfluss nehmen zu können auf das, was in ihrem Betrieb schief läuft. Sie würden gern mehr Verantwortung übernehmen und ist verstimmt, wenn der Chef dann Mist baut.

Thorsten Giersch
Thorsten Giersch
Chefredakteur Business bei der Verlagsgruppe Handelsblatt / Geschäftsführer digital bei planet c

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