Interview
Der das Undenkbare denkt

Ob Großkonzern oder Steven Spielberg: Zukunftsforscher Peter Schwarz ist gefragt. Seine Szenariotechnik sah im vorletzten Jahr ein schweres Attentat voraus. Nun prognostiziert er: Die Globalisierung wird zunehmend Widerstand finden. Trotzdem glaubt der Amerikaner an einen langen Aufschwung.

Wie würden Sie sich selbst beschreiben? Berater, Autor, Redner?

Ja, ja und ja. Das trifft alles zu, und ich bin auch noch Wagniskapitalgeber. Eigentlich bin ich jemand, der den Organisationen dabei hilft, über die Zukunft nachzudenken.

Wie kamen Sie dazu, bei dem Film „Minority Report“ mitzumachen?

Ich hatte schon vorher bei einigen Filmen mitgemacht, und unsere Firma GBN hatte vor ein paar Jahren bei „Deep Impact“ für die Produktionsfirma von Steven Spielberg, DreamWorks, gearbeitet. Als sich Spielberg dann „Minority Report“ vorgenommen hatte, haben sie uns gefragt, ob wir ihnen dabei helfen könnten, die Zukunft des Jahres 2058 zu entwerfen. Wir haben ein Team von 20 Leuten zusammengestellt und uns drei Tage mit Steven und dem Art Director in einem Hotelzimmer eingeschlossen. Wir haben die Bibel für den Film geschrieben.

Zur Vorhersage von Entwicklungen benutzen Sie Szenarien. Wird dieses Verfahren nicht durch den Anschlag auf das World Trade Center vom 11. September in Frage gestellt?

Das Undenkbare zu denken, ist wieder zu einer nützlichen Idee geworden. Das Ausmaß der Veränderung, der kurz- und langfristige Schock, dass so etwas passieren konnte, sitzt ziemlich tief. Es hat die Unsicherheit mit aller Macht zurückgebracht.

In den 40er-Jahren hat Herman Kahn das Planen von Szenarien eingesetzt, um die Möglichkeiten für einen Atomkrieg auszuloten. Aber hätte irgendjemand den Angriff vom 11. September vorhersagen können?

Es war das am besten prognostizierte Ereignis in der Geschichte. Es war von so vielen Leuten vorhergesagt worden – auch von mir, wenn ich das hinzufügen darf. Es war so offensichtlich. Und die Tatsache, dass wir nicht vorbereitet waren, ist ein Verbrechen. Osama Bin Laden hat angekündigt, dass er es tun wird. Und er hat sein Wort gehalten.

Wir hatten der Hart-Rudman-Kommission für die Nationale Sicherheit der USA im 21. Jahrhundert geschrieben, dass die Kräfte um Bin Laden und Al Qaida Jumbo-Jets in das World Trade Center und wichtige Gebäude in Washington fliegen würden. Wir waren nicht die Ersten und Einzigen, die das sagten. Eine ganze Reihe von Leuten hatte es prognostiziert.

Wenn man sich nur durchlas, was Bin Laden gesagt hat, und sich dann die Geschichte und sein Verhalten angeschaut hat. Er hat das World Trade Center schon einmal angegriffen. Und er kommt zurück, wenn er seine Ziele nicht beim ersten Mal erreicht.

Es war also die einfachste Sache der Welt, diese Ereignisse vorwegzunehmen. Man konnte nicht wissen, dass es genau am 11. September stattfinden würde. Aber man wusste, es würde kommen. Im Verlauf des Sommers gab es viele Signale dafür, dass etwas Großes bevorstand. Und das war die Sache, die er am offensichtlichsten plante.

Haben sich die Risiken für die Wirtschaft erhöht?

Die Risiken sind größer geworden. Die Bedrohung durch einen Krieg, die Bedrohung durch Konflikte und Zerstörung ist sehr real.

Kommen verschiedene Teams zu den gleichen Szenarien, wenn man ihnen dieselben Informationen gibt?

Wir haben dieses Experiment gerade vor ein paar Monaten zum ersten Mal gemacht. Wir hatten zwei Szenario- Gruppen, die voneinander nichts wussten. Beide schauten sich politische Szenarien für die ganze Welt an. In dem einen Team waren keine Amerikaner vertreten, das andere bestand nur aus Amerikanern, um herauszufinden, ob sie eine unterschiedliche Einschätzung der Weltlage abgeben würden. Und das taten sie – und zwar in recht verblüffender Weise.

Worin lagen diese Unterschiede?

Überwältigend war die Antipathie, die Nicht-Amerikaner jetzt gegenüber den USA empfinden. Und den Amerikanern war das überhaupt nicht bewusst. Ein Krieg gegen den Terrorismus fand außerhalb der USA nirgendwo statt. Tatsächlich gab es die klare Wahrnehmung, dass Amerika das Problem ist. Das Szenario, über das alle anderen sprachen, war, wie man die USA zügeln könnte, nicht wie man den Terrorismus besiegt. Es gibt also völlig verschiedene Auffassungen über die Lage in der Welt.

In Ihrem Buch „When Good Companies Do Bad Things“ haben Sie die Unternehmensethik untersucht. Auf einer Skala von eins bis zehn – wie schwer ist das Ansehen der nordamerikanischen Unternehmenswelt durch die Skandale um die Erdölhandelsgesellschaft Enron Corp. und andere beschädigt worden?

Zehn. Das ist wirklich eine ernste Sache – sowohl für die USA selbst als auch global gesehen. Wir haben die Idee des freien Spiels der Märkte, des Kapitalismus, der Großunternehmen und so weiter durchsetzen wollen und behauptet, das alles schafft Arbeitsplätze und Wohlstand. Jetzt haben wir festgestellt, dass einige der führenden US-Unternehmen unehrlich waren. Es wird lange dauern, bis wir uns davon erholt haben.

Was ist mit dem „langen Boom“ passiert, den Sie vor ein paar Jahren prognostiziert haben?

Einige Elemente bestehen immer noch, andere Teile haben sich verändert. Der „lange Boom“ gründete auf zwei großen Ideen. Eine davon trifft immer noch zu, die andere wurde in fundamentaler Weise in Frage gestellt. Die beiden großen Ideen waren, dass zum einen ein massiver technischer Wandel das Produktivitätswachstum antreibt und neue Industriezweige hervorbringt. Diese Idee gilt immer noch.

Die andere Idee ist derzeit starken Angriffen ausgesetzt, nämlich dass die Globalisierung viel mehr Menschen in die globale Wirtschaft einbezieht. Wir haben einen politischen Rückschlag gegen die Idee der Globalisierung auf den Straßen von Seattle, Genua und anderswo erlebt. Dazu kamen die Verwerfungen, die durch die Ereignisse am 11. September entstanden sind.

Und wir haben es mit einer US-Regierung zu tun, die weniger an Globalisierung als vielmehr an globaler Dominanz interessiert ist. Als Ergebnis hat sich der politische Prozess gegen die Globalisierung gewendet. Nun werden wir verfolgen, ob sich das fortsetzt.

Wird die Welt unsicherer?

Die Welt war schon immer unsicher. Dass sie vorher sicherer erschienen ist, war nur eine Sache der Wahrnehmung. Sie war schon immer wirklich unsicher. Sie war es, ist es und wird es sein.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%