Interview
„Die Bomben können überall hochgehen“

Klaus Zumwinkel hat mit seinem Rücktritt die Debatte über seine Zukunft als Post-Chef im Keim erstickt. Dennoch bleiben grundsätzliche Fragen. Der Münchner Professor und Corporate-Governance-Experte Manuel René Theisen über den Fall Zumwinkel, den Zeitpunkt, an dem sich Unternehmen besser von ihren Managern trennen, und die Frage, ob sich Unternehmen auf solche Fälle vorbereiten können.

Herr Theisen, hätte die Post nicht dem Rücktritt von Herrn Zumwinkel durch eine Entlassung zuvorkommen sollen?

Das Unternehmen hat richtig gehandelt, an ihm festzuhalten, bis er von selbst zurücktritt. Der Betroffene weiß am besten, was er zu tun hat. Besser jedenfalls als der Aufsichtsrat. Denn nur der Betroffene kann ja einschätzen, wie groß das Ausmaß der Vorwürfe wirklich ist. Es gibt auch gar keine rechtliche Verpflichtung, ein Vorstandsmitglied wegen seines Privatlebens zu entlassen. Man muss den Fall Zumwinkel sauber darlegen: Das ist eine private Geschichte und keine Angelegenheit des Unternehmens. Betroffen ist alleine Herr Zumwinkel als Person.

Dennoch ist, zumindest durch die öffentliche Aufregung, das Unternehmen Deutsche Post beschädigt.

Der Chef eines solchen Unternehmens hat natürlich eine Vorbildfunktion. Deswegen geht der Schaden auch über die Person hinaus. Als Aufsichtsrat muss man aber genau abwägen, wie groß der Schaden für das Unternehmen ist. Ein Vorstandsmitglied schon zu entlassen, nur weil eine unbewiesene Anklage gegen ihn erhoben wird, wäre reiner Aktionismus und auf Dauer für die Unternehmenslandschaft fatal.

Das Finanzministerium hat angekündigt, dass 600 bis 700 vergleichbare Fälle existieren. Es ist also mit weiteren Anklagen zu rechnen. Wann trennen sich Unternehmen besser von belasteten Vorstandsmitgliedern?

Das ist schwierig. Es gibt ja auch Beispiele, wo Unternehmen und Vorstände öffentliche Erregung sehr gut überstanden haben. Herr Ackermann hat die Vorwürfe gegen ihn über einen längeren Zeitraum ausgehalten. Und heute ist sein Image wieder bestens.

Dennoch wird die Diskussion die Manager-Kritik weiter anfachen. Zumwinkel hat nicht nur sich keinen Gefallen getan.

Ob ein Unternehmen bei rein moralischen Fragen – und das ist ja der einzige Aspekt, der das Unternehmen in diesem Fall betrifft – handeln muss, kann man dennoch bezweifeln.

Wie können sich Unternehmen, deren Vorstände potenziell betroffen sind, auf Ermittlungen vorbereiten?

Damit kann man eigentlich erst anfangen, wenn die Anklage auf dem Tisch liegt. Die Bomben können ja überall hochgehen.

Also hilft nur abwarten?

Man kann private Verfehlungen von Vorstandsmitgliedern als Unternehmen nicht verhindern. Der Vorstand kann ja nicht verpflichtet werden, seine Finanzen öffentlich zu regeln. Wie soll das gehen? Und letztlich, das darf man auch nicht vergessen, ist Steuerhinterziehung eine normale Straftat.

Sven Prange
Sven Prange
Handelsblatt / Ressortleiter Report und Namen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%