Interview mit dem Carl-Zeiss-Chef
Dieter Kurz: „Man kann die Welt nicht am Schreibtisch verstehen.“

Dieter Kurz, Vorstandsvorsitzender von Carl Zeiss, will auf seinen Reisen nicht nur Lieblingskunden treffen - das kann ja jeder. Vielmehr interessiert sich der Manager für diejenigen, die gerade Konkurrenzprodukte gekauft haben. Im Interview spricht der 60-Jährige über das Arbeiten in der schwäbischen Provinz, seinen Lieblingsschriftsteller Martin Walser und das Segeln auf dem Bodensee.

Herr Kurz, die Zeiss-Zentrale sitzt in Oberkochen, 8 000 Einwohner. Schreckt so viel Provinz viele Bewerber ab?

Nein, ich habe zwar in fast jedem Bewerbungsgespräch mit dieser Frage zu tun. Aber ich kann jungen Bewerbern einen Konzern vorstellen, der viele interessante Aufgaben bietet und in dem die Karrierechancen bestimmt besser sind als in manchem Dax-Unternehmen. Wir sind sehr international und machen 84 Prozent des Umsatzes im Ausland.

Aber abends langweilt man sich dann.

Was das Privatleben betrifft: Stuttgart kann man in etwas über einer Stunde erreichen, München ist gut zwei Stunden weg. Das geht also schon. Wirklich wertvoll wird die Gegend, wenn man Familie hat. Billige Grundstücke, niedrige Lebenshaltungskosten, der Euro ist ein bisschen mehr wert als in Stuttgart oder München.

Fiel Ihnen der Umzug leicht, als Sie vor 29 Jahren aus Tübingen hierher kamen?

Nein, Tübingen ist schließlich Universitätsstadt und hatte schon mehr zu bieten, aber der Job ging eben vor. Ich habe 25 Jahre hier in Oberkochen gelebt, und das sehr gerne. Die Region hat mit den Städten Heidenheim und vor allem Aalen, das Sitz einer Fachhochschule geworden ist, auch kulturell einiges zu bieten: Kinos etwa, oder das Jazzfestival.

Sie leben nicht mehr in Oberkochen?

Meine Familie ist jetzt an den Bodensee gezogen, dorthin, wo ich aufgewachsen bin. Am Wochenende bin ich also dort, unter der Woche hier oder unterwegs auf Geschäftsreisen.

Bleibt Ihnen dann überhaupt noch genug Zeit für die Familie?

Wegen der hohen Belastung im Job ist das schwierig. Ich versuche so viel Zeit wie möglich mit der Familie zu verbringen. Alles unter einen Hut zu bringen, ist manchmal eine Herausforderung. Aber meine Frau und die Kinder haben Verständnis dafür entwickelt. Wir haben auch viel darüber gesprochen. Zeit für die Familie muss sein. Die nehme ich mir dann vor allem im Urlaub. Im Sommer war ich mit meiner Familie in einem Ferienhaus in den Bergen von Mallorca, im vergangenen Jahr waren wir in den USA.

Da haben Sie Ende der 80er-Jahre auch mal für zwei Jahre gearbeitet. Was haben Sie in den USA genau gemacht?

Ich hatte einige Jahre zuvor für Zeiss ein neues Elektronenmikroskop entwickelt und diesen Bereich danach als Geschäftsbereichsleiter geführt. Für das gleiche Geschäft bin ich in die USA gegangen. Dort hatten wir vor allem Vertrieb und Service. Ich habe also die Geräte verkauft, die ich vorher entwickelt hatte. Natürlich war damals der Auslandsanteil am Umsatz nicht so hoch wie heute. Aber der Gang nach Nordamerika hat sich im Nachhinein als sehr wertvoll für mich herausgestellt.

Säßen Sie ohne Ihre Auslandserfahrung heute auf dem Chefsessel?

Nein, das kann ich auch beweisen.

Wie das denn?

Kurz nachdem ich aus den USA wiederkam, habe ich den Geschäftsbereich Halbleitertechnik übernommen. Als ich den damaligen Vorstandsvorsitzenden unseres holländischen Kunden traf, sagte der mir, wie froh er sei, dass Zeiss einen Bereichsleiter habe, der fließend Englisch spricht. Man wird ernster genommen, wenn man versteht, wie die Amerikaner ticken. Damals war die Halbleiterbranche noch amerikanisch dominiert. Meine Erfahrungen waren also sehr wichtig.

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