Interview mit Hans Georg Näder, Otto-Bock-Gruppe
„Am Anfang dachten alle, ich spinne“

Hans Georg Näder treibt es zu den Wurzeln. In der Köpenickerstraße 147 in Berlin-Kreuzberg fing sein Großvater Otto Bock vor 90 Jahren in der turbulenten Zeit nach dem Ersten Weltkrieg als "Start-up-Unternehmer" mit dem Bau von Prothesen an. Mitte Juni eröffnet Näder im Herzen der Hauptstadt das erste Science Center, das sich mit dem Thema Behinderung befasst.

Handelsblatt: Herr Näder, Sie eröffnen am 16. Juni in Berlin das erste Science Center zur Medizintechnik. Dort geht es um Behinderung - in prominenter Lage zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor. Warum ausgerechnet dort?

Näder: An dieses Filetstück sind wir durch einen glücklichen Zufall gekommen. Gesucht haben wir zuerst eine Industriebrache. Dann hat ein Immobilienmakler von diesem kleinen Areal mit einer Größe von 850 Quadratmetern zwischen der hessischen Landesvertretung und dem Berliner Bürogebäude der Kanzlei Taylor&Wessing berichtet. Für den Eigentümer, eine Projektgesellschaft, war es zu winzig. Daraufhin habe ich mich an den Kauf gemacht: Im Stillen, damit es keiner wegschnappt.

HB: Warum haben Sie Berlin gewählt und nicht Duderstadt, Hauptsitz der Otto-Bock-Gruppe?

Näder: Die Entscheidung fiel auf Berlin, als wir das passende Gründstück gefunden hatten. An dieser Ecke gehen täglich 30000 Menschen vorbei. In unserer Firmenzentrale in Duderstadt haben im Jahr 12000 internationale Besucher. 80 Prozent der Umsätze machen wir im Ausland. Berlin ist ein internationaler Dreh- und Angelpunkt. Außerdem kehren wir vom Land in die Hauptstadt zurück: Mein Großvater Otto Bock hat das Unternehmen vor 90 Jahren als Start up in Kreuzberg gegründet. Ich habe gelernt, dass Marketing nur funktioniert, wenn es authentisch ist.

HB: Wie wollen Sie als in der Öffentlichkeit unbekanntes Unternehmen mit dem Thema Behinderung Besucher anlocken?

Näder: Schon vor der Eröffnung ist das "Muskelhaus" in Berlin Stadtgespräch, spätestens seit wir zwei nackte Homunculi genannte Bronzestatuen auf das Dach des Baus gesetzt haben. Der Architekt hat sich bei der Gestaltung am Aufbau menschlicher Muskeln orientiert. Architekturdozenten haben sich bereits gemeldet, Touristen fragen, was wir da machen. Fernsehteams wie von ZDF Nano kommen zum Filmen. Eine "Walker" genannte Figur aus 15 Lichtpunkten wird auf der Fassade den menschlichen Gang zeigen und so auf das Gebäude hinweisen. Zwischen Reichstag und Potsdamer Platz gehen jährlich 13 Mio. Menschen vorbei. Unser Jahresziel von mindestens 50000 Besuchern ist da ziemlich konservativ.

HB: Und denen zeigen Sie dann Prothesen?

Näder: Darum geht es nicht. Wir machen keinen Showroom für Otto Bock. Wir wollen die Menschen erfahren lassen, was Bewegung bedeutet. Wie funktioniert der Gang, was passiert, wenn wir unsere Hand drehen? Von der Natur schlägt das Zentrum dann die Brücke zur Technik. Es geht um die Funktion von Orthesen und Prothesen, die Mobilität erleichtern oder erst ermöglichen. Auf diese Weise wird greifbar, was Behinderung bedeutet.

HB: Drei Jahre haben Sie an dem Projekt gearbeitet. Wie hoch war der Rückhalt im eigenen Laden?

Näder: Zu Beginn des Projektes waren die Zweifel groß. Viele meiner Manager dachten: Jetzt spinnt der Chef. Inzwischen treiben sie mich mit ihren Ideen sogar an. Die erste Kommunikationsplattform für Menschen mit Handicap zu schaffen hat ein großes Team begeistert: 80 externe Spezialisten und zeitweilig 250 Mitarbeiter bei uns. Wir haben debattiert: Wofür steht Otto Bock? Herausgekommen ist der Schlüsselbegriff Mobilität. Daraus ist eine innere Kulturrevolution geworden, die das Unternehmen verändert. Berlin tut uns gut. Die Stadt inspiriert uns.

HB: Für die Eröffnung konnten Sie Außenminister Steinmeier (SPD) und Thüringens Ministerpräsidenten Althaus verpflichten. Mancher Konzern wird bei dieser Besetzung neidisch. Womit haben Sie die Spitzenpolitiker gelockt?

Näder: Das musste ich gar nicht. Frank-Walter Steinmeier kennt das Unternehmen sehr gut aus seiner Zeit als Chef von Schröders Staatskanzlei in Hannover. Dieter Althaus lebt im Eichsfeld: Dort ist die Otto-Bock-Gruppe beheimatet.

HB: Wahlkämpfende Politiker sind das eine. Ende Juli will aber sogar die thailändische Prinzessin Maha Chakri Sirindhorn das Science Center besuchen. Wie haben Sie das bewerkstelligt?

Näder: In Thailand sind wir seit Jahren vertreten, die Otto-Bock-Stiftung hat sich bei der Tsunami-Hilfe engagiert. Es war der Wunsch der Prinzessin, im Rahmen ihrer Berlin-Visite vorbeizuschauen. Das ist das Geniale an dieser Lage mitten in der Hauptstadt: Hier kommt jeder problemlos hin.

HB: Wären Sie börsennotiert, würden Ihre Anleger bohren, was das Engagement kostet. Als Familienunternehmer müssen wir Sie fragen: Wie teuer war es?

Näder: Das Science Center schlägt alles in allem mit 20 Mio. Euro zu Buche. Davon entfällt die Hälfte auf das Grundstück und das Gebäude, die andere Hälfte auf die Installation.

HB: Was versprechen Sie sich von dieser Investition?

Näder: Wir orientieren uns an den Erlebniswelten der Autobauer, um unseren geringen Bekanntheitsgrad in der breiten Öffentlichkeit zu steigern. Die Marke wird auch in der Medizintechnik immer wichtiger. Der Markt dynamisiert sich. Unser Gesundheitssystem wird ohne stärkere Zuzahlungen nicht auskommen. Darauf müssen wir uns vorbereiten: Hat der Patient die Wahl, werden Werte wie Design plötzlich große Bedeutung zukommen.

HB: Was haben Sie dazu bisher unternommen?

Näder: Bislang sind wir im Umfeld der Paralympics aufgetreten, als technischer Partner für die olympischen Spiele von Sportlern mit Handicap. Das hat Otto Bock als Marke gestärkt und emotionalisiert. Allerdings nur im Kreis der Teilnehmer, Zuschauer und Fachleute. Wir wollen aber eine größere gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Behinderung anstoßen. Die Besucher des Science Center sollen im wahrsten Sinn des Wortes begreifen, was uns bewegt.

HB: Haben Sie jemals damit gehadert, das Unternehmenserbe anzutreten?

Näder: Es gab Etappen, in denen ich nachdenklich war. Mit 28 Jahren bin ich an die Spitze von Otto Bock gerückt. Da habe ich mich schon gefragt: Geht das man gut? Als ich am 13. Januar morgens um fünf Uhr meine Rede zum 90. Firmenjubiläum geschrieben habe, war es wieder soweit. In diesem Moment habe ich die Verantwortung gespürt. Im Alltag denke ich nicht viel darüber nach.

HB: Trifft Sie die Finanz- und Wirtschaftskrise?

Näder: In der Orthopädie nicht. Die Menschen brauchen nun einmal Prothesen. Da machen uns mehr Währungsschwankungen wie beim Britischen Pfund und vor allem Änderungen in den Gesundheitssystemen zu schaffen. Die sehr viel kleinere Schaumstoffsparte leidet aber unter der Absatzkrise der Autoindustrie. Im Januar war der Umsatz um 40 Prozent eingebrochen. 200 Mitarbeiter arbeiten derzeit kurz. Wir wollen nach Möglichkeit alle an Bord halten. Erfolg hängt an Menschen, nicht an Maschinen. Insgesamt rechnen wir mit 8 Prozent Umsatzwachstum in diesem Jahr.

HB: Woher der Optimismus?

Näder: Als mein Großvater 1919 anfing, herrschten ganz andere Verhältnisse: Zu der Zeit wurde auf den Straßen geschossen. Die Krise ist dagegen eine düstere Großwetterfront, die weiterziehen wird. Anfang des Jahres herrschte trotzdem Unruhe in unserem Management. Als Motivator war ich deshalb gefragter denn als Unternehmer. Meine Aufgabe ist es, die Truppen mutig zu machen. Es ist nicht alles düster. Die gesunkenen Rohstoffpreise helfen uns, die Prothetik braucht viel Titan. Und auf einmal bekommen wir Fachleute, die früher lieber bei den Dax-Konzernen arbeiten wollten.

HB: Wie stehen Sie als mittelständischer Unternehmer zu Staatshilfe für Großkonzerne?

Näder: Der Staat muss sich kümmern. Es geht um Zehntausende Arbeitsplätze. Aber die Art der Versprechungen beruht auf Quotenpopulismus im Vorfeld des Bundestagswahlkampfes. Einige Konzerne, die Hilfe wollen, leiden unter einem grundsätzlichen Performanceproblem. Kleine Unternehmen, denen der Markt weggebrochen ist, kämpfen ohne Beistand mit ihrer Hausbank und um eine Landesbürgschaft. Das Missverhältnis ärgert mich.

HB: Schließen Sie einen Börsengang generell aus?

Näder: Dann würde ich zu kurz springen. Wir müssen börsenfähig sein, aber auch attraktiv für Private Equity als Wachstumsmotor oder eine Fusion mit einem gleichgesinnten Unternehmen. Diese strategischen Optionen müssen wir uns unbedingt offenhalten.

HB: Wo steht Otto Bock in zehn Jahren?

Näder: Dann soll der Umsatz, den wir mit Dienstleistungen machen, so groß sein wie der mit Produkten. Wachstum wird vor allem aus Brasilien, Indien und China kommen. Bei den Schaumstoffen haben wir dann eine höhere Fertigungstiefe und neue Kundengruppen wie die Möbelindustrie erschlossen - damit wir weniger abhängig von den Autoherstellern sind.

Mark C. Schneider
Mark C. Schneider
Handelsblatt / Redakteur
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