Interview mit Reinhard Sprenger
Begeistert starten, in Organisation enden

Bestsellerautor Reinhard Sprenger über Unternehmen, die ihre leistungsfähigsten Rechner, die Mitarbeiter, lahm legen – mit Richtlinien. Um diesem strengen Korsett zu entkommen, hätten Arbeitnehmer nur eine Möglichkeit.

Handelsblatt: Herr Sprenger, die Loyalität der Mitarbeiter zu den Unternehmen ist so niedrig wie nie und obendrein im Europavergleich ganz unten, besagen Untersuchungen. Gerade mal einige Familienunternehmer loben Gegenteiliges. Hängt diese Entwicklung mit der Unternehmensgröße zusammen? Oder ist die heutige Manager-Generation dafür verantwortlich?

Reinhard Sprenger: Ein Unternehmer kann mit seinem Eigentum machen, was er will. Er ist nur sich selbst rechenschaftspflichtig. Ein Manager verwaltet das Geld anderer Leute. Das ist ein Unterschied. Und ob es sich in den viel gepriesenen Familienunternehmen so viel besser lebt, ist eine offene Frage. Dort haben Sie nur mit anderen Irrationalismen zu kämpfen. Aber grundsätzlich ist Loyalität kein absoluter Wert. Für die Unternehmen ist es ein Kostenproblem, weil es nun mal teuer ist, neue Mitarbeiter anzuwerben und einzuarbeiten.

Aber es gibt doch immer wieder ernst zu nehmende Stimmen, die sagen, die Mitarbeiter wären gerne loyal und nur die Unternehmen würden den Vertrag gegenseitiger Loyalität im großen Stil aufkündigen.

Aus Sicht des Mitarbeiter würde Loyalität bedeuten: „Ich bleibe treu bei meinem Unternehmen, selbst wenn es mir zukünftig eindeutige wirtschaftliche Nachteile bringt.“ Ist das mit Wirklichkeitssinn zu erwarten? Nein, natürlich nicht. Loyalität wird immer dann hoch gehandelt, wenn es keine Alternative gibt und wenn sie nichts kostet. Ist aber ein Preis fällig, dann verhalten sich auch Mitarbeiter in der Regel ökonomisch. Sie haben selten Mühe, die Firma zu wechseln, wenn ihnen ein attraktives Angebot ins Haus flattert. In absoluten Zahlen verlassen immer noch mehr Arbeitnehmer den Arbeitgeber als umgekehrt. Wir sollten deshalb über einen Kündigungsschutz für Arbeitgeber nachdenken.

Also wenn enttäuschte Mitarbeiter Unternehmen verlassen – ausgenommen Menschen mit privaten Gründen – würden Sie sie am liebsten anketten?

Natürlich nicht. Was wäre denn gewonnen? Es gibt Kämpfe, die zu gewinnen eine Katastrophe wäre. Aber umgekehrt ist es doch genauso absurd, die Unternehmen an die Mitarbeiter zu ketten. Ich habe jedenfalls noch keine Führungskraft erlebt, die sich leichten Herzens von Mitarbeitern trennt. Das Problem entsteht erst, wenn sich der Staat einmischt. Dann wird der Arbeitsmarkt ein regulatorischer Exzess. Mit der Freiheit stirbt auch Maß und Vernunft.

Aber haben wir diese Situation nicht auch in den Unternehmen selbst? Wenn Mitarbeiter gegen überregulierte Organisationen und misstrauische Chefs ankämpfen müssen, um sich überhaupt bewegen zu können?

Unternehmen sind hier gleichzeitig Getriebene und Treiber. Die Politik greift infolge der bekannten Wirtschaftsskandale immer tiefer in das Eigenleben der Unternehmen ein. Wer einmal erlebt hat, wie die interne Bürokratie als Folge des Sarbanes-Oxley-Act (SOX) wuchert, der weiß, wovon ich rede. Und Ähnliches wird auch aus Brüssel kommen. Aber die Unternehmen tun selbst ein Übriges hinzu. Heute erleben wir in vielen Unternehmen eine Zentralisierungswelle, die den leistungsfähigsten Rechner lahm legt, den sie haben: den Menschen. Nur der Mensch als wandelnder Widerspruch kann Komplexität schnell und situationsbunt verarbeiten. Wenn jedes Gestaltungsproblem mit einer Richtlinie erschlagen wird, dann muss man sich nicht wundern, wenn die Menschen nicht mehr in die Verantwortung gehen, sondern nur noch ihre Sorgfaltspflicht erfüllen.

Also bekommen die Unternehmen nur noch Dienst nach Vorschrift?

So kann man es nennen. Sorgfaltspflicht bezieht sich auf das Regulierte, auf das Festgelegte. Verantwortung geht darüber hinaus. Sie handelt, auch wenn eine Aufgabe nicht in der Stellenbeschreibung steht. Es gibt viele Führungskräfte, die glauben, alles verregeln und gleichzeitig Unternehmertum fordern zu können. Damit macht man Menschen zynisch. In der Konsequenz richtet sich das Handeln nicht mehr auf den Kunden und auf Absatzmärkte, sondern wird zum Kampf gegen interne Überregulierung. Die Märkte sind dann gleichsam ins Unternehmen hinein verlagert, und man verschwendet viel Zeit und Kraft damit, interne Kunden zu bedienen. Das bringt uns natürlich draußen keinen Meter weiter. Es gibt Unternehmen, die sind so mit sich selbst beschäftigt, die würden noch fünf Jahre unbeirrt weiterarbeiten, selbst wenn draußen kein einziger Kunde mehr zu finden wäre.

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