Interview mit Reinhard Sprenger
Das Ausland ruft gar nicht

Der Management-Autor Reinhard Sprenger meint: Den vermeintlichen Markt, der angeblich hohe Gehälter für Vorstandsmitglieder erzwinge, gibt es gar nicht - und genau das ermögliche es Top-Managern, sich ihre Gehälter quasi gegenseitig festzulegen. Und vom Manager-Weltmarkt würden Deutsche schon gar nicht umworben.

Handelsblatt: Die öffentliche Diskussion um teure Unternehmensvorstände ebbt nicht ab. Josef Ackermann und jetzt Klaus Kleinfeld samt Kollegen lassen sich die Bezüge erhöhen und sehen zu, wie ihre Mitarbeiter Lohneinbußen hinnehmen müssen oder gar ihre Jobs verlieren. Im firmeneigenen Weblog empören sich diese. Was halten Sie von der Verteidigungslinie des Aufsichtsrats, dass der Markt dies erfordert und nur so die Besten zu halten sind?

Reinhard Sprenger: Ich kann mich nicht erinnern, dass in den letzten Jahren deutsche Manager verstärkt vom Weltmarkt umworben und mit Geld ins Ausland gelockt worden seien. Deutsche Manager sind keineswegs unterbezahlt und werden keineswegs von Konkurrenzangeboten internationaler Konzerne überschwemmt. Und dass es der Markt sei, der die Gehälter festlegt, ist ebenso unsinnig. Im Gegenteil: Es ist das Fehlen des Marktes, das solche Gehälter möglich macht. Der Markt würde sehr schnell disziplinierend wirken. Es ist vielmehr ein überschaubarer Kreis von Freunden in Aufsichtsräten, Vorständen und Golf-Klubs, die sich gegenseitig ihr Gehalt festlegen.

Und das wird langsam ruchbar?

Ich selber kenne keinen Taxifahrer, Kellner, Kaufhausangestellten, Freund und Bekannten, der diese Gehälter nicht obszön findet. Aber mit solchen Menschen kommen diese Manager selten in Kontakt. Sie verkehren mit den immer gleichen Repräsentanten ihrer Bevölkerungsschicht in einer Käseglocke aus Flughafenlounges, High-End-Restaurants und holzgetäfelten Sitzungszimmern. Sie verhalten sich nicht asozial, weil sie unmoralisch sind, sondern sie verhalten sich unmoralisch, weil sie asozial wurden.

Also schlicht, weil sie Bodenhaftung verloren haben?

Legitimität ist ein vertikales Phänomen. Das will offenbar niemand verstehen. Legitimität bleibt bis auf weiteres an eine Kultur, ein Land, ein Volk gebunden. Es ist naiv, sich mit internationalen Top-Managern und deren höheren Bezügen zu vergleichen. Darauf sind die Menschen kulturell nicht eingerichtet. Legitimität vergleicht oben und unten, den Mann an der Kasse mit dem Mann an der Spitze. Denn wohlgemerkt: Beide sind Angestellte, die das Geld anderer Leute verwalten – nicht Unternehmer, die ihr eigenes Geld riskieren. Unternehmer hingegen haben oft genug verzichtet und harte Zeiten durchgemacht, um erfolgreich zu sein. Ihnen stehen hohe Einkommen zu, weil sie auch längerfristig Verantwortung übernehmen.

Wie viel zu viel ist, hängt also ab von den Wertvorstellungen einer Gesellschaft?

Ein Gehalt kann in einem Land akzeptabel sein und in einem anderen nicht. So wie der schwedische Fußballtrainer der schwedischen Nationalmannschaft, Lars Lagerbäck, bei der WM 2006 den schwedischen Trainer der englischen Nationalmannschaft, Sven Göran Eriksson, eines obszönen Gehaltes bezichtigte. Man muss sich also auf die Gerechtigkeitsvorstellungen der jeweiligen Gesellschaft einstellen. Wer in einem egalitären Land wie Schweden, Holland oder Deutschland lebt, darf nicht in einem börsennotierten Unternehmen überzogene Gehälter verlangen. Der muss zu einem Familienunternehmen gehen oder in ein anderes Land. Wer viel Geld verdienen will, sollte also als Manager besser gehen.

Wie hoch ist hier zu Lande die optimale Steigerung?

Das Verhältnis zwischen den Gehältern der obersten Geschäftsleitung und dem durchschnittlichen Gehalt eines Angestellten ist in Deutschland auf bis zu 1:300 gestiegen. Früher lag es bei 1:20. Das heißt, ein gewöhnlicher Angestellter müsste 300 Jahre arbeiten, um auf das Salär seines Top-Managers zu kommen. Den Protest dagegen tun Top-Manager gern mit dem Neidargument ab.

Wobei Neid auch Triebfeder ist.

In der Tat. Neid feuert an, es jemandem nachzumachen. Meist ist es aber leider schlichte Missgunst. Und die feuert an, es jemandem wegzunehmen. Der Staat als Großzuhälter ist das Paradebeispiel für diese wenig noble Gefühlslage. Aber vorrangig verhilft das Neidargument, sich gar nicht erst auf eine Diskussion über die Gehaltshöhe einzulassen. Wenn aber dann doch mal diskutiert wird, heißt es: Woran soll man denn die Gehaltshöhe festmachen? Zugegeben, das ist schwierig. Aber das Fehlen eines Tarifrechts für Top-Manager kann nicht bedeuten, die Suche nach Kriterien der Angemessenheit einfach aufzugeben.

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