Interview mit Sebastian Freitag von Freitag & Co.
„Geholfen wird nur schlechten Unternehmen“

Sebastian Freitag (44) ist Gründer der Frankfurter Investmentbank Freitag & Co.Das Geschäft mit Rekapitalisierungen (Financial Restructuring) betreibt er seit 2002 - damals bei der größten industriellen Insolvenz Deutschlands, Babcock Borsig.Freitag beschäftigt 15 Mitarbeiter. 2009 betreute er unter anderem den Autozulieferer Edscha vorinsolvenzlich.

Herr Freitag, warum gibt es im Moment so viele Insolvenzen?

Das hat vorrangig zwei Gründe. Zum einen erleben wir natürlich gerade eine tiefe Wirtschaftskrise, besonders in der deutschen Schlüsselindustrie Automobil. Die Finanzkrise verschärft diese Lage noch und bringt außerdem eine neue psychologische Note ins Spiel.

Welche Note meinen Sie?

Wir sehen einen Paradigmenwechsel. Statt der Suche nach einer einvernehmlichen Lösung zwischen Schuldner und Gläubigern wird viel häufiger der Ausweg Insolvenz gesucht.

Warum?

Die großen Autokonzerne und die Banken haben gerade oft nicht die Zeit oder den Nerv, sich intensiv um einen Zulieferer mit 500 oder 1 000 Millionen Umsatz zu kümmern. Die kämpfen doch selbst ums Überleben. Unterstützung für kleinere Unternehmen gibt es nur in Ausnahmefällen.

Welche Fälle sind das?

Leider oft die falschen. Wenn ein substanzstarkes, autarkes Unternehmen ins Schlingern gerät, dann lassen Großkunden und Banken es in die Insolvenz fahren. Dort kann es dann kaum zerstört werden. Ein eigentlich nicht mehr lebensfähiges Unternehmen aber wird gestützt, weil man fürchtet, dass es in der Insolvenz desintegriert. Das ist natürlich ein Paradoxon. Die guten knallen an die Wand, die schlechten kriegen Hilfe.

Aber auch der Staat hilft...

Das können Sie vergessen. Meiner Erfahrung nach ist das Gerede um Staatshilfen Wahlkampf. Außerdem geht es da technisch nicht um Hilfen für Unternehmen, sondern um Bürgschaften für Banken.

Und die helfen nicht?

Konkret sieht es so aus: Ein Unternehmen hat eine Liquiditätslücke von 100 Mio. Euro. Der Staat würde einen rettenden Kredit zu 80 bis 90 Prozent absichern. Nun sind die Banken selbst paralysiert. Die konzentrieren sich auf die nächsten zehn Mrd. Euro aus Berlin statt auf rettende zehn Mio. Euro für einen Kunden.

Also gehen weitere Firmen unter...

Wir sind noch lang nicht am Ende dieser Spirale. Die Banken haben über Jahre hinweg Private-Equity- und anderen Fonds Geld gegeben wie Freibier. Jetzt bricht die Performance der Unternehmen ein, die Fonds gehen kaputt, die Banken müssen abschreiben. Und das zu einem Zeitpunkt, da die Banken wegen der Immobilienkrise selbst schon kaputt sind. Noch ein scheinbares Paradoxon: Wenn ein Leveraged Buy-out "richtig" finanziert wurde, das heißt bis zum Dach mit Fremdkapital beladen wurde, muss er jetzt umfallen. Im Umkehrschluss: Wenn er nicht umfällt, wurde er nicht "richtig" finanziert.

Wie verhalten sich denn die Finanzinvestoren zur Zeit?

Private-Equity-Gesellschafter nutzen die Krise oft gezielt, um ihre Gesellschaften außergerichtlich unter dem Vorwand einer existentiellen Krise massiv zu entschulden. Jeder Euro Entschuldung ist in einem späteren Verkauf ein Euro mehr Rendite.

Gibt es weitere Krisengewinner?

Investoren, die jetzt Geld und Mut haben, können tolle Deals machen. In jedem Fall erleben wir gerade gute Zeiten für Insolvenzverwalter und Financial-Restructuring-Experten.

Was ist Financial Restructuring?

Financial Restructuring ist die Strukturierung und Umsetzung von außergerichtlichen Lösungen einer Überschuldung.

Wie läuft das ab?

In einem so genannten konsensualen Deal kann den Gläubigern nur noch eines als Gegenleistung für einen Forderungsverzicht gegeben werden: Eigenkapital. Das Unternehmen definiert maximale Verschuldung und frisches Geld; alte Besitzer und Gläubiger streiten dann um die Anteile. Das klingt einfach, aber es ist komplexer und weniger strukturiert als M&A.

Warum machen Sie als Investmentbanker dann solche Jobs?

Weil es im Moment das einzige ist, mit dem man Geld verdienen kann. Klassisches Private Equity ist tot. M&A ist angezählt. Aber im Financial Restructuring ist katastrophal viel Bedarf.

Und Investmentbanker sind da die richtigen Helfer?

Kommt drauf an. Einige Banken haben gerade von ihren Private-Equity- und Leveraged-Finance-Experten die Visitenkarten eingezogen und ihnen neue gegeben. Da steht jetzt drauf: Financial Restructuring.

Die Fragen stellte Sönke Iwersen.

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