Interview
Roland Berger: „Ich folge meinem inneren Kompass“

Roland Berger Strategy Consultants gehört zu den vier führenden Unternehmensberatungen weltweit. Ihr gleichnamiger Gründer hat die Finanzkrise vorhergesehen und bereits im Oktober 2007 seine Aktien verkauft. Im Interview spricht Roland Berger über Krisenmanagement in Deutschland, intellektuelle Herausforderungen und den preußischen Soldatenkönig.

Herr Berger, Sie haben schon einige Auf und Ab der Wirtschaft erlebt und als Berater begleitet: das Wirtschaftswunder, die Wiedervereinigung, die New Economy – und jetzt die Finanzkrise. Inwieweit ist die derzeitige Krise mit vorigen vergleichbar?

Gar nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir keine weltweite Finanzkrise mehr erlebt, nur Rezessionen oder auf eine geografische Region beschränkte Krisen, etwa in Asien. Die derzeitige Krise aber ist global; keiner kann sich vor ihr verstecken. Zweitens war der Einbruch in der Realwirtschaft noch nie so tief. Entsprechend umfassend und negativ wirkt sich dies auf Beschäftigung, Einkommensentwicklung sowie Steuer- und Sozialbeitragseinnahmen des Staates aus. Zum dritten haben wir noch nie in einer marktwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaft so massive Staatshilfen erfahren. Der Staat spielt bei der Bewältigung dieser Krise eine so große Rolle wie noch nie seit den 1930er-Jahren. Und viertens kann derzeit niemand, auch kein Wirtschaftswissenschaftler sagen, ob wir den Tiefpunkt schon erreicht haben und wie lange die Krise noch dauert. Alle sind mehr oder weniger ratlos. Ausdruck dieser Ratlosigkeit ist unter anderem die Diskussion, ob nun das Modell V, U oder L zutrifft.

Sie werden Gröbaz genannt, größter Berater aller Zeiten. Ist das nicht zu viel der Ehre?

Jedenfalls bin ich wohl der älteste international aktive Strategieberater. Und mit Roland Berger habe ich eine Beratungsfirma von null an aufgebaut, von einer Ein-Mann-eine-Sekretärin-Firma zur Nummer vier weltweit mit mehr als 2100Mitarbeitern. Ich bin also nicht nur Berater, sondern auch Unternehmer. Und diese unternehmerische Leistung trägt meinen Namen. Allerdings finde ich den Namen Gröbaz wenig kreativ: Das GröB stand früher für „größter Banker“.

Haben Sie diese Krise vorausgesehen?

Ja, ich habe bereits im Oktober 2007 meine Aktien verkauft. Ich habe die enorme Liquidität zu ungewöhnlich niedrigen Zinsen im Markt gesehen plus die exorbitanten Renditeerwartungen und daraus meine Schlüsse gezogen. So habe ich auf die letzten zehn Prozent Rendite verzichtet und bin ausgestiegen. Dies habe ich auch unseren Klienten geraten: Deckt euch billig und möglichst langfristig mit Liquidität ein und bereitet euch so auf die Chancen einer möglichen Krise vor. Die meisten sind diesem Rat gefolgt.

Dann sagt man über Sie noch: „Weiß alles, kennt jeden!“ Stimmt das?

Ein breites fachliches und allgemeines Wissen plus kommunikative Fähigkeiten sind Voraussetzungen für den Beraterberuf. Und da ich seit mehr als 40 Jahren nicht nur Manager und Unternehmer berate, sondern auch Politiker, kenne ich ziemlich viele Leute. Aus einigen beruflichen Beziehungen sind auch persönliche Verbindungen und Freundschaften entstanden.

Wie bauen Sie Vertrauen auf?

In der Regel höre ich mir als Erstes das Problem an und gebe dann spontan einen sehr persönlichen Rat. Dabei schöpfe ich natürlich aus meiner Erfahrung. Ich liefere nie sofort eine perfekte Lösung oder zaubere den unterschriftsreifen Auftrag aus der Tasche nach dem Motto: Bitte unterschreiben Sie hier, dann analysiert eine Truppe Berater Ihre Firma und schlägt Ihnen zehn Konzepte vor, von denen Sie sich bitte eines auswählen mögen. So läuft es nicht. Offenheit und Vorleistung zählen, nicht der Wille, etwas zu verkaufen.

Sie sind schon seit über 40 Jahren im Geschäft. Was hat sich verändert?

Mein persönlicher Stil nicht. Die Beratung an sich aber schon. Die Kunden sind beratungserfahren und wissen, was sie wollen und erwarten können. Die Wirtschaftswelt ist zudem deutlich komplexer geworden, etwa durch neue Technologien und die Globalisierung. Und der Druck hat zugenommen: von den Kapitalmärkten, Wettbewerbern und Kunden. Die Grundlage für gute Beratung ist und bleibt aber, eine Vertrauensbeziehung aufzubauen.

Wann und wie kamen Sie auf die Idee, Berater zu werden?

Als ich studierte, war der Beraterberuf noch nicht in aller Munde. Auch gab es noch keine Recruiting-Veranstaltungen, mit denen die Branche heute um junge Talente wirbt. Eher per Zufall habe ich im letzten Semester meines Studiums einen Vortrag zum Thema „Ausgliederung betrieblicher Systeme auf Dritte“ gehalten und bin dabei auf die Unternehmensberatung gestoßen. Das schien mir interessant. Ich war jung und hatte schon etwas auf die Beine gestellt, breite Interessen und wenig Lust auf die Ochsentour in einem großen Konzern.

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