Italien
Santo Versace: Ohne Furcht und Tadel

Der Modeunternehmer Santo Versace attackiert die Politik von Regierungschef Silvio Berlusconi. Dass er für dessen Partei im Parlament sitzt, hindert ihn nicht.

MAILAND. Mit aufrechtem Gang schreitet Santo Versace die Ausstellungswand mit alten Zeitungsausschnitten der Auslandspresse ab. Er muss schmunzeln, als seine stahlblauen Augen den jungen Giorgio Armani und die Designerin Krizia auf den Fotos aus den 70er- und 80er-Jahren wiedererkennen. „Die gibt es alle noch“, kommentiert der 64-jährige Präsident des Modehauses Versace mit seiner heiseren und dennoch kräftigen Stimme.

Auch Versace gibt es noch. Viele hätten dem Unternehmen nach dem Tod von Gianni Versace, dem kreativen Kopf der drei Geschwister, kaum eine Zukunftschance mehr gegeben. Gianni Versace wird im Juli 1997 in seinem Haus in Miami Beach von einem Killer umgebracht. Santo, der ältere Bruder, und Donatella, die jüngere Schwester, sind auf sich alleine gestellt. Santo übernimmt noch stärker als bisher die wirtschaftliche Führung des Hauses und Donatella versucht, den Bruder als Kreativchefin zu beerben.

Doch die Übergangsjahre sind hart. Das Geschäft bricht zunächst ein. Die Geschwister verkaufen sogar einen Teil ihrer Gemäldesammlung und Immobilien, um finanziell über die Runden zu kommen. Die externen Manager geben sich die Klinke in die Hand, bis mit dem Vorstandsvorsitzenden Giancarlo Di Risio ein wenig Ruhe einkehrt. Auch dank seines Einsatzes bringen Donatella und Santo das Unternehmen wieder in die Gewinnzone. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz trotz Krise um mehr als acht Prozent auf 336 Millionen Euro.

Doch kaum ist das Comeback erreicht, steht Versace vor der nächsten Krise, die diesmal nicht hausgemacht ist: Die Finanzkrise und ihre Folgen für die Realwirtschaft haben auch die Kauflust der reichen Kundschaft gedämpft. Und anders als Auto- oder auch Waschmaschinenhersteller können die Modehäuser nicht auf Hilfe vom Staat hoffen.

„In Italien hat noch nie eine Regierung der Mode geholfen, auch diese nicht“, klagt Santo Versace. Die Bemerkung wäre nicht weiter erstaunlich, säße Versace nicht seit 2008 für die Regierungskoalition im Parlament. Als junger Mensch hatte er einst das Parteibuch der Sozialisten. Jetzt sitzt er für Silvio Berlusconi im Abgeordnetenhaus. Sein Leben teilt er nun zwischen Mailand – Sitz des Unternehmens und in wenigen Tagen wieder Schauplatz und Treffpunkt der Modeszene, wenn die Sommerkollektion des kommenden Jahres gezeigt wird – und Rom, dem Parlamentssitz. Sein Fazit nach mehr als einem Jahr im Parlament fällt nicht besonders positiv aus: „Man sagt ja viel Schlechtes über unsere Branche. Aber die Politik ist schlimmer – auch schlimmer, als sie von außen aussieht.“

Santo Versace nimmt kein Blatt vor den Mund. Vor allem wenn es um das Thema Bürokratie und Italiens Gesetzesflut geht, dann hält ihn keiner mehr auf: „Wir treten mit zusammengebundenen Händen und einer Kugel an den Beinen auf den Weltmarkt“, beschreibt er die Lage der italienischen Unternehmer. „Ich bin überzeugt, dass Italiens Unternehmer die besten der Welt sind, da sie es trotz der ganzen Hürden hierzulande und ohne die Hilfe des Staats schaffen.“

Da fällt ihm etwa die Anekdote ein, als er und sein Bruder Ende der 70er-Jahre den ersten Laden in der edlen Via della Spiga in Mailand eröffneten und ein Telex-Gerät brauchten. „Als wir den Antrag gestellt haben, sagte man uns: entweder zwei Jahre Wartezeit oder zwei Millionen Lire in einem verschlossenen Umschlag an einen staatlichen Funktionär.“ Sie hatten es eilig und entschieden sich für den Umschlag.

Trotz seiner Kritik an seinem Land und dessen Politik ist Santo Versace stolz darauf, ein Italiener zu sein, genauer gesagt ein „Calabrese“, einer aus Kalabrien, „der schönsten Region Italiens“. Auch die Mode könnte er nur in Italien machen, da die nötigen Fertigkeiten nur in diesem Land in einer solchen Qualität zu finden seien.

Mitarbeiter bezeichnen den Präsidenten als sehr zuvorkommend, „jemand, der alle grüßt und sogar Plätzchen vorbeibringt“, berichtet ein Mitarbeiter. Eine gewisse Menschlichkeit klingt auch durch, wenn er von seiner Zeit als Gymnasiallehrer berichtet. „Ich habe meine Schüler immer gefragt, was ihre Eltern machen – und bei der gleichen Antwort demjenigen aus dem weniger privilegierten Elternhaus die bessere Note gegeben“, erzählt er.

Lange hat es ihn nicht im Lehrerberuf gehalten. Er wechselte zunächst ins Militär, bevor er sich als Steuerberater selbstständig machte und dann schon bald mit seinem talentierten Bruder das heute weltbekannte Modehaus gründete. Der ehemalige Basketballspieler war das kommerzielle Hirn von Versace. Dank Santos Marketing und Vertrieb schaffte Versace den Weg in die weite Welt. Heute ist der Manager und Politiker, der früher von morgens bis abends in der Firma saß, zwar nur noch Anfang der Woche vor Ort. Aber sein Einfluss könnte bald wieder steigen.

Im Frühsommer haben sich Donatella und Santo Versace von ihrem bisherigen Vorstandsvorsitzenden Di Risio getrennt. Der hatte das Unternehmen zwar wieder in die Gewinnzone geführt. Aber er war einer, der gerne alleine entschied und auch gerne im Rampenlicht stand.

Mit Gian Giacomo Ferraris, der im Juli seinen Posten antrat, kommt ein bescheidener Manager als Vorstandschef ins Haus. Vielleicht mag dann auch Santo Versace wieder mehr mitreden. Meinungsstark ist er jedenfalls.

Santo Versace

1944 im Dezember wird er in Reggio Calabria geboren.

1968 schließt er sein Studium der Betriebswirtschaftslehre in Messina ab und tritt eine Stelle bei der Banca di Credito Italiano an. Dort hält es ihn nicht lange, und er unterrichtet zunächst am Gymnasium ökonomische Geografie.

1972 macht er sich als Steuerberater selbstständig und hilft seinem Bruder, dem Designer Gianni Versace.

1978 gründen die Brüder das Unternehmen Versace. Santo ist Vorstandschef und Präsident und besitzt ein Drittel der Aktien.

1998 fungiert er als Präsident der italienischen Modekammer.

2008 wird er für die Berlusconi-Partei PDL ins Parlament gewählt.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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