Jahrhunderprojekt gestemmt
Früh gescholten – spät gelobt

Wenn er von seinen kleinen Enkelkindern spricht, strahlt Wim Duisenberg. Sie verstehen gar nicht, warum über den Euro so viel geredet wird, hat er vor dem EU-Parlament gesagt. „Sie kennen gar kein anderes Geld.“ Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) wird heute 68 Jahre alt.

FRANKFURT/M. Unter seiner Führung wurde das Jahrhundertprojekt einer Europa-Währung realisiert, wurden zwölf nationale Notenbanken zu einem System von Zentralbanken verschmolzen und zwölf nationale Notenbankgouverneure auf eine einheitliche Geldpolitik getrimmt. Duisenberg hat die neue Institution glaubwürdig auf Stabilitätskurs gebracht. Auch die Weichen für die Zukunft sind gestellt: Mit Blick auf die Osterweiterung hat der EZB-Rat ein wenn auch strittiges Modell zur Reform seiner Abstimmungsregeln auf den Weg gebracht. Mit der Revision der geldpolitischen Strategie hat Duisenberg über seine Zeit hinaus für Kontinuität gesorgt.

Der Euro ist für den überzeugten Europäer ein wichtiger Katalysator der europäischen Integration. „Durch die Verwendung der Euro- Banknoten und -Münzen setzen wir ein deutliches Signal für das Vertrauen und die Hoffnung, die wir in das Europa von morgen haben“, sagte er wenige Stunden vor der Einführung des Euro-Bargelds. Als er die Noten und Münzen der Öffentlichkeit 2001 erstmals präsentierte, konnte er kaum verbergen, wie bewegt er war: „Normalerweise sollten Notenbanker keine Gefühle äußern. Verzeihen Sie mir, wenn ich heute eine Ausnahme mache.“

Vorangegangen war eine monatelange Hetzkampagne. Der EZB-Präsident wurde bereits als Fehlbesetzung abgetan: Zu sorglos im Umgang mit der Presse, zu leichtfertig in der Wahl seiner Worte, lautete die Kritik. Für jeden Kursverlust des Euros – bereits 1999 als Rechenwährung eingeführt – wurde der EZB-Chef verantwortlich gemacht. Nicht ganz zu Unrecht: Der Mann an der Spitze der EZB muss wissen, dass seine Worte Märkte bewegen. Inzwischen haben sich beide aneinander gewöhnt. Duisenbergs Stil wird als offen und transparent empfunden. Verbale Ungeschicklichkeiten kommen nur noch selten vor.

Politisch war der kantige Friese zunächst umstritten. Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac wollte es 1998 schriftlich haben, dass Duisenberg sein Amt spätestens am 30. Mai 2002, zur Hälfte seiner Amtszeit, für einen Franzosen räumt. Das wäre ein glatter Bruch des Vertrags von Maastricht gewesen. Der EZB-Präsident wurde für acht Jahre berufen. Chirac musste sich mit der mündlichen Erklärung Duisenbergs begnügen, er werde aus Altersgründen nicht die volle Amtszeit ableisten. Es dürfte Paris nicht leicht gefallen sein, Duisenberg zu bitten, länger zu bleiben, nachdem dieser schon gekündigt hatte. Aber Frankreichs Kandidat JeanClaude Trichet stand vor Gericht.

Attacken von Politikern auf die Geldpolitik hat Duisenberg von Anfang an erfolgreich abgewehrt: „Ich höre sie, aber ich höre ihnen nicht zu.“ Mitunter hat er selbst Einfluss auf die Politik genommen. Als die EU-Finanzminister im Herbst 2001 die Geldpolitik zu „weiteren entschiedenen Maßnahmen“ auffordern wollten, um die Folgen der Terroranschläge in den USA abzufedern, intervenierte der EZB-Chef: Die Forderungen waren vom Tisch.

Diese Konsequenz hätte man sich öfter gewünscht, etwa im Winter 2002, als auf massiven Druck Deutschlands hin die Regeln des Stabilitätspaktes erstmals gelockert wurden. Die EZB billigte den Sündenfall und gab sich mit dem Verzicht der EU-Finanzminister auf eine Frühwarnung für Deutschland zufrieden. Damals wäre die Klarheit am Platz gewesen, die Duisenberg heute im EU-Parlament zeigt. Er hat den Regierungen einiger Mitgliedstaaten unverblümt vorgehalten, bei der Umsetzung nötiger Reformen versagt zu haben.

Sein Amt als EZB-Präsident hat den Niederländer gezeichnet. Nach wie vor führt er die Euro-Bank auf der Basis von Vertrauen. Er delegiert, ohne in wichtigen Fragen das Ruder aus der Hand zu geben. Nach wie vor verfolgt er konsequent seine Ziele. Aber der große Mann geht gebeugt. Er wirkt oft nachdenklich und ein wenig in sich gekehrt. Das früher häufige spitzbübische Lächeln blitzt nur noch selten in den blauen Augen auf. Verständlich – die Zeiten für Notenbanker sind rauer geworden. Ab November kann Wim Duisenberg mit seinen Enkeln endlich fischen gehen.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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