Jeder ist sich selbst der Nächste im Job
Dem Chef geht es wie einem Sandwich

Was ist eigentlich schlimmer: Bleiben oder gehen? Diese Gretchenfrage stellen sich viele Arbeitnehmer schon in dem Moment, wenn um sie herum die Kollegen entlassen werden. Danach bestätigten sich fast immer ihre düsteren Vorahnungen: Die Luft ist in den Betrieben keineswegs gereinigt, wie mancher glauben machen will. Im Gegenteil: Viel mehr Arbeit für den Einzelnen und noch stärkerer Druck kennzeichnen die Lage.

Wo dezimierte Belegschaften beieinander sitzen, liegt weiterhin die Frage "Wer ist als nächster dran?" in der Luft. Die verbliebenen Mitarbeiter - unter dem Stichwort Survivor-Syndrom im Blick der Wissenschaft - müssen erst die Umstände und dann die organisatorischen Folgen der Kündigungen aushalten. Und nebenbei ums eigene Überleben kämpfen. Der Kollege wird zum Konkurrenten - obwohl eigentlich alle an einem Strang ziehen sollen. Hilfestellung untereinander? Fehlanzeige.

Nur noch die Wenigsten pflegen ein entspanntes Verhältnis untereinander, ermittelte die Internet-Jobbörse Stepstone. Mehr als zwei Drittel der befragten Arbeitnehmer gaben an, das Betriebsklima habe sich wegen der ungünstigen Wirtschaftslage verschlechtert. Freundlichkeit oder Teamgeist? Muss nicht sein. In einem großen Ruhrgebietskonzern etwa trauen sich die Mitarbeiter kaum noch länger als einen Tag auf Dienstreise. Zum einen weil das Kollegen-Gerede - ob er überhaupt wieder kommt - schon am zweiten Tag losgeht und zum anderen weil sie ihm gleich Faulheit unterstellen.

Eine Untersuchung des Forsa-Instituts für die Deutsche Angestellten Krankenkasse kommt zu ähnlich negativen Ergebnissen: Fast jeder zweite Erwerbstätige fürchtet, seinen Job zu verlieren. Und 23 % der repräsentativ ausgewählten Befragten klagen, dass ihr Betriebsklima durch hohen Stress geprägt sei. Mobbing befürchtet jeder Fünfte. Und vor Konflikten mit Kollegen oder Chefs fürchten sich 14 %. Kaum verwunderlich - eng verbunden mit der Angst vor Job-Verlust ist die Angst, Fehler zu machen: Rund 30 % berichten davon.

Die Folge: "Duckmäuserklima macht sich breit", beobachtet der Augsburger Organisationspsychologe Oswald Neuberger. "Die Davongekommenen haben ihre Lektion gelernt: Dinge werden nunmehr abgenickt, kreative Vorschläge oder Widerspruch zurückgehalten." Zum unternehmerischen Wunschbild passt das wohl kaum.

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