Jeremy Seddon prüft die Angebote für Londons Börse
Ein Mann für heikle Wettbewerbsfälle

Meistens kann Jeremy Seddon auf sein Pokerface vertrauen. Manchmal jedoch reagiert er auf Fragen für seine Verhältnisse geradezu heftig. Wenn ihn etwa jemand darauf anspricht, wie stark der politische Druck im Fall Londoner Börse ist.

LONDON. Der 64-jährige Angestellte der britischen Wettbewerbsbehörde spricht ruhig und zieht am Ende seiner Ausführungen gerne die Lippen leicht nach hinten. Verschmitzt schaut er dann hinter seiner Brille hervor und wirkt überhaupt nicht nervös. Ausnahme: Der Fall Londoner Börse. Schon die Frage quält ihn, und er wischt sie mit dem ganzen Körper zur Seite. „Politischen Druck gibt es nicht.“ So bekommt der Gesprächspartner zumindest mit, unter welchem Druck – wenn auch offenbar nicht politisch – der ehemalige Handelsbanker stehen muss.

Er hat auch keine leichte Aufgabe. Seddon leitet die Untersuchung der britischen Wettbewerbsbehörde im Fall der London Stock Exchange (LSE). Er und seine Mitarbeiter müssen die beiden Gebote von Deutscher Börse und Euronext prüfen. Er muss bis Anfang November sagen, ob und welche Bedingungen an einen Verkauf der LSE geknüpft sind. Er muss sich mit den Bewerbern, Wettbewerbern und Kunden auseinander setzen, und jeder scheint mitunter eine unterschiedliche Meinungen zu haben. Und er musste schon die Kritik der LSE über sich ergehen lassen, weil die Behörde wegen der komplexen Fragestellungen um bis zu acht Wochen länger beraten wird als vorhergesehen. Bei alldem muss er fast wöchentlich neue Gerüchte lesen, in welchen Kombinationen sich die drei Börsen diesmal paaren wollen.

Seddon, ein großer, älter Herr mit wenigen weißen Haaren an den Seiten, ist ein erfahrener Mann. Doch „einen so komplexen Fall wie die LSE hatte ich noch nicht“. Zunächst ist der Sektor mit seinem System aus Handel, Abrechnung und Abwicklung nicht leicht zu verstehen. Die Börsen sind im Wandel: Grundlegende Regularien ändern sich national und international. Und es gibt für eine Börsenübernahme dieser Größenordnung in Europa keinen Präzedenzfall.

Würde Seddon alle LSE-Dokumente auf dem Boden stapeln, würden sie schon jetzt über seinen Kopf reichen. „Allein die Frage, über welchen Markt wir eigentlich reden, kostet Tausende von Seiten.“ Und während in anderen Verfahren Drittparteien kaum reagieren, äußert zur LSE beinahe jeder seine Meinung Seddon weiß das. Er kennt die City, und er kann auf eine lange Karriere in vielen Funktionen zurückblicken. Er war Ingenieur bei Associated Electrical Industries, Bank-Manager bei Barclays Development Capital und Lobbyist als Chef der Finanz-Lobby British Invisibles, die im Ausland die City anpreist. In seiner Funktion als Privatisierungsberater unterstützte er sogar die deutsche Treuhand-Behörde. Später half er bei der Privatisierung der Berliner Flughäfen.

28-mal haben er und seine drei Mitstreiter im Komitee der Wettbewerbsbehörde sich getroffen. 15 Mitarbeiter der Behörde kümmern sich hinter den Kulissen um die Details. Jeweils viermal hat er die beiden Bewerber gesehen. Und er ist sicher, dass es beide ernst meinen – auch, wenn die Deutsche Börse mit ihrem frisch gekürten Vorstandschef Reto Francioni erst einmal andere Sorgen hat: „Wenn die Deutsche Börse mich nicht davon überzeugt hätte, hätte ich sie auch aus dem Prozess ausschließen können.“

In einem vorläufigen Entwurf deutete die Kommission schon an, dass sich der Käufer von Europas größtem Kassamarkt von seinem eigenen Abrechnungsgeschäft trennen muss. Wie restriktiv die Entscheidung am Ende aussieht, will Seddon aus nahe liegenden Gründen nicht sagen. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass der eine oder andere mit den Ergebnissen nicht zufrieden sein wird. Das ist Seddon egal. „Unsere Entscheidung kann man nur legal anfechten.“ Politisch dagegen lasse er sich nicht unter Druck setzen.

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