Jil Sander
Stille Revolutionärin

Als einzige deutsche Designerin genießt Jil Sander mit ihrer Mode Weltruhm – anders als heute der Großkonzern, den sie schuf. Dieser soll nun nach mageren Jahren an einen japanischen Investor verkauft werden. Dem Image der scheuen Unternehmensgründerin kann das aber kaum etwas anhaben.

Ein milder Septembertag vor 21 Jahren. Ort der Handlung: Hamburg, Neuer Wall 43. Erschienen sind: eine Prinzessin, mehrere Grafen und Gräfinnen, Barone und Baronessen, TV- und Filmgrößen - Angehörige der örtlichen Society, handverlesen. Grund des Treffens: Ein Ladengeschäft öffnet seine Pforten, ein ungewöhnliches allerdings. Außen eine 40 Meter lange, sechs Meter hohe Schau-Front, innen 500 Quadratmeter dezent dekorierte Verkaufsfläche: Granit, venezianisches Glas, Kommoden aus afrikanischem Ebenholz. Ebenso ungewöhnlich die Inhaberin: Jil Sander, Deutschlands erfolgreichste Mode-Designerin und weltbekannt für ihre edle und reduzierte Mode. Diese entwickelte sie ohne Chichi und Theater in einer Zeit, als Minimalismus noch etwas Revolutionäres war. Dafür erntete sie zunächst ebenso viel Spott, wie später, nicht zuletzt seit der Hamburger Eröffnung, Ruhm. Bis heute gilt Sander als deutsche Modepäpstin, obwohl sie der Branche schon vor drei Jahren Adieu gesagt hat.

Jil Sander kam als Heidemarie Jiline Sander am 27. November des Bombenjahres 1943 in einem Feldlazarett zur Welt, zerbrechlich und lange Zeit anfällig für Krankheiten. Nach dem Krieg wuchs sie bei ihrer Mutter Erna-Anna Sander und deren zweitem Ehemann, dem Lastwagenhändler Erich Libuda, auf. Der Stiefvater war "ein begabter, aber auch strenger Mann mit klaren Prinzipien und Disziplin, der keine Mittelmäßigkeit ertrug", sagte Sander einmal. Dieses Credo machte sie sich zu eigen und schwor vor allem jeglicher Art von Kompromissbereitschaft ab.

Es folgten die mittlere Reife an einem Hamburger Gymnasium und - an einer Krefelder Fachschule - der Abschluss als Textilingenieurin. Nach Amerika will der Vater sie nicht lassen, bietet als Trost ein Auto, doch sie geht. Am University College in Los Angeles belegt die 18-Jährige amerikanische Geschichte, Englisch und Formgebung, arbeitet gelegentlich für die Modezeitschrift "MCall's", wird nach Rückkehr 1963 Journalistin. Binnen vier Jahren steigt Heidemarie J. Sander bei den Frauenblättern "Constanze" und "Petra" zur leitenden Redakteurin auf.

Da es damals in Deutschland keinen Chic gegeben habe und die meisten Frauen ihre Garderobe in den Augen Jil Sanders wie ein Theaterkostüm trugen, nahm sie sich vor, etwas völlig Neues zu versuchen. Die Stilistin zeichnete reduzierte Linien, predigte das Weglassen und erntete zunächst nichts als das Kopfschütteln der Chefredakteure, die ihr reihenweise Eigensinn und Streitsucht vorwarfen. Brechen ließ sie sich allerdings nie, auch nicht mit Mitte Zwanzig, als sie beschloss, sich selbständig zu machen. Mit bescheidenen Mitteln aber von der Richtigkeit ihrer Entscheidung überzeugt, eröffnete sie 1968 im Hamburger Stadtteil Pöseldorf eine Mode-Boutique und entwickelte als freie Designerin für Textilhersteller und Kaufhauskonzerne die Grundlagen ihres später berühmten Stils.

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