Jochen Sanio
Ein Aufseher „mit Biss“

Thomas Fischer hat es Jochen Sanio zu verdanken, dass seine Karriere als WestLB-Chef so abrupt endete. Der Präsident der mächtigen Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht – besser bekannt unter ihrer Kurzform BaFin – reiste persönlich nach Düsseldorf, um die Absetzung des Bankchefs zu betreiben. Wer ist dieser Mann, vor dem sogar die Vorstände zittern?

BERLIN. Wenn Jochen Sanio etwas sagt, hat das Gewicht. Denn der 60-jährige Sanio ist nicht irgendein Beamter, sondern Präsident der BaFin. Seit 2002 ist sie als Allfinanzaufsicht für den Banken- und Versicherungsbereich sowie für das Wertpapierwesen zuständig.

Zwar untersteht Sanios Behörde der Rechts- und Fachaufsicht des Bundesfinanzministeriums. Doch das hält Sanio nicht davon ab, seine Sorgen um die Stabilität der Finanzmärkte stets sehr deutlich zu artikulieren. Einige Aussprüche sind bereits Legende geworden. So kritisierte Sanio die internationalen Ratingagenturen als „größte unkontrollierte Macht der Finanzmärkte“, geißelte Hedge-Fonds als „schwarze Löcher des Finanzsystems“, sieht enorme Risiken in dem Engagement von Finanzinvestoren, die bei Übernahmen in fast allen Fällen das vorhandene Eigenkapital massiv durch die Aufnahme von Fremdkapital aushebeln.

Zuletzt warnte er vor „Schockwellen“ über die Landesgrenzen hinweg, die durch das Übernahmegefecht um die holländische ABN Amro ausgelöst werden könnten. Zugleich bedauert Sanio, dass deutsche Banken auf Grund ihrer relativ geringen Marktkapitalisierung bei der anstehenden Konsolidierung der europäischen Bankenszene wohl nur eine Zuschauerrolle einnehmen werden.

„Gute Aufsicht ist ein entscheidender Faktor, wenn es darum geht, das Vertrauen der Investoren zu erhalten“, lautet ein Credo Sanios. Persönlich steht er dafür ein, dass „die Institution BaFin beißt“. Die Kreditwirtschaft dankt es ihm in der Regel, weiß sie doch, dass eine gut funktionierende Aufsicht ein Aushängeschild für den Finanzplatz Deutschland ist.

„Biss“ beweist die BaFin auch bei der WestLB. Dem Vernehmen nach drängte sie auf eine Ablösung des gesamten Vorstands einschließlich des Chefs Thomas Fischer. Damit zog die Finanzaufsicht die Konsequenzen aus der von ihr initiierten Sonderprüfung, die gravierende Mängel bei Informationen über die hoch riskanten Aktiengeschäfte im Eigenhandel feststellte. An der entscheidenden WestLB-Aufsichtsratssitzung am Donnerstag nahm Sanio persönlich teil – offensichtlich auch um Mitglieder des Aufsichtsrates von der Argumentation der BaFin zu überzeugen.

Der Bankaufsichtsexperte Marcus Geschwandtner von der Bonner Kanzlei DHPG verweist darauf, dass die BaFin mit hoheitlichen Instrumenten ausgestattet, ist, um die Einhaltung von Ordnungsvorschriften gegenüber jeder einzelnen Bank durchzusetzen. Dazu gehört beispielsweise auch die Abberufung von Geschäftsleitern. Diese Maßnahme ist jedoch an enge Voraussetzungen geknüpft. „Will die BaFin von einer Bank die Abberufung eines oder mehrerer verantwortlicher Geschäftsleiter verlangen, muss sie – gerichtlich nachprüfbar – Tatsachen darlegen und beweisen, dass der in Rede stehende Geschäftsleiter beispielsweise für mögliche Sorgfaltspflichtverstöße auch verantwortlich ist“, sagt Geschwandtner. Mit anderen Worten: Sanio muss sich nach der Sonderprüfung sehr sicher gewesen sein, dass es nur eine Konsequenz gibt. Und die WestLB muss sich fragen, was sich eigentlich seit der Boxclever-Affäre und dem Amtsantritt Fischers in ihrem Risikocontrolling geändert hat.

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