Joe Eberhardt krempelt den Vertrieb um
Der dritte Mann bei Chrysler

Immer wenn sich die Daimler-Chrysler-Zentrale bei Joe Eberhardt im Urlaub meldet, heißt das für ihn: Koffer packen.

AUBURN HILLS. So war das vor ein paar Jahren, als der Präsident der Daimler-Chrysler-Vertriebsorganisation UK die Flitterwochen in Italien verbrachte. Damals sagte man ihm, er müsse den Urlaub abbrechen und an Meetings in New Jersey teilnehmen. Gerade hatte sich die Stuttgarter Daimler-Benz AG mit dem US-Autobauer Chrysler in einer Aufsehen erregenden Fusion zusammengetan.

Und auch jetzt, Ende Mai, war es so, als Eberhardt wieder einmal mit seiner Frau in Italien Urlaub machte. Das Handy klingelte, er saß gerade in einer Kirche und ging nicht ran. Als der 39-Jährige später zurückrief, erfuhr er, dass er wieder einmal seine Koffer packen durfte – diesmal für länger.

Dieter Zetsche, deutscher Chef der amerikanischen Chrysler Corp., bot seinem Landsmann einen Job in den USA an: Eberhardt soll Vertrieb und Marketing der Daimler-Tochter umkrempeln. Der Konzern schreibt rote Zahlen, der von Krisenmanager Zetsche anvisierte Turn-around ist gefährdet.

Anfang Juni war’s dann offiziell: Der amtierende Chrysler-Vertriebs- und Marketingchef James Schroer, 51, musste gehen, und Joe Eberhardt rückte auf seinen Platz. Damit hat Daimler-Chrysler jetzt neben Zetsche, 50, und Stellvertreter Wolfgang Bernhard, 42, den dritten Deutschen aus dem ehemaligen Mercedes-Management in die US-Dependance geholt.

Für Eberhardt, der zwar aus Stuttgart kommt, sein halbes Berufsleben aber in den USA verbracht hat, ist der Ruf quasi ein Heimspiel – in vielerlei Hinsicht. Mehr als zehn Jahre lang – von 1988 bis 1999 – arbeitete er in führenden Positionen für die Mercedes-Benz-Niederlassung in den USA, zuletzt als Verkaufs- und Marketing-Chef. In dieser Zeit soll sich der Mercedes-Absatz verdreifacht haben. Außerdem erwarb er 1992 an der renommierten New Yorker Stern School of Business seinen MBA. Bereits 1982 fing Eberhardt – noch während seines Studiums – bei der damaligen Daimler-Benz AG in Stuttgart an.

Heute gehört er im Konzern zu einer größer werdenden Gruppe vergleichsweise junger Manager, die über weit reichende Auslandserfahrungen verfügen. Und auf die setzt nicht zuletzt Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp in der Stuttgarter Zentrale all seine Hoffnungen, um die weltweite Strategie des Autobauers umzusetzen.

Mit der Aufgabe hat Eberhardt alle Hände voll zu tun: Wegen horrender Marketingkosten werde der US-Ableger der Daimler-Chrysler AG im laufenden Jahr gerade mal den Break-even erreichen, anstatt wie geplant einen Gewinn von zwei Milliarden Dollar zu erzielen, verkündete der Konzern. Für das zweite Quartal werde die Chrysler-Group einen Verlust von 1,2 Milliarden Dollar ausweisen.

Die plötzliche Rückkehr in die roten Zahlen hat viele in der Chrysler-Zentrale alarmiert. „Die ganze Mannschaft ist in Panik“, sagt ein Insider. Man informierte die Mitarbeiter, dass der Autobauer einen ähnlichen Rückgang erlebe wie die US-Stahlindustrie. Im Klartext: Die Verkaufszahlen sind im freien Fall, die Marktanteile schwinden. In den ersten vier Monaten des Jahres hat die US-Tochter 7,2 Prozent weniger Autos als ein Jahr zuvor verkauft.

Sicherlich einer der Hauptgründe, warum sich Zetsche jetzt Verstärkung aus der Heimat holt. Als er vor zweieinhalb Jahren antrat, wollte er Chrysler wieder als Edelmarke positionieren. Doch die Versuche waren bislang vergeblich, dem US-Autobauer hängt nach wie vor der Ruf der Mittelmäßigkeit an. Schuld daran soll vor allem Ex-Vertriebschef James Schroer sein, dem eine Vorliebe für große Worte und große Motoren nachgesagt wird.

All das soll Eberhardt jetzt wieder ins Lot bringen, und zwar schnell. Doch der erbittet sich Zeit, um sich detailliert mit Chrysler befassen und an einer Strategie basteln zu können, wie der Konzern aus der Talsohle herausfindet. Er ist zwar überzeugt, dass sich der Autobauer zur Edelmarke mausern kann – „doch über Nacht geschieht so was nicht“, sagt die Erfahrung.

Außerdem muss er das Händlernetz entwirren. „Wenn Sie in der Automobilbranche etwas bewegen wollen, müssen Sie bei den Einzelhändlern anfangen“, ist sein Credo.

Bleibt also abzuwarten, wann wieder einmal sein Handy klingelt und Joe Eberhardt seine Koffer packen muss.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%