Johannes Teyssen
Eons Kronprinz vor der Krönung

Eon-Chef Wulf Bernotat macht in einem Jahr an der Vorstandsspitze des Energiekonzerns Platz. Sein Nachfolger ist bereits ausgeguckt: Johannes Teyssen. Er wird damit einer der mächtigsten Manager in Deutschland.

ESSEN. Die Überraschung ist gekonnt inszeniert. Erst am Ende seiner Rede bittet Eon-Chef Wulf Bernotat die Aktionäre um ein „persönliches Wort“. Im kommenden Jahr sei Schluss. Für eine Verlängerung seines Vertrages, der bis Mai 2010 läuft, stehe er nicht zur Verfügung. Darüber habe er den Aufsichtsrat informiert. Aufsichtsratschef Ulrich Hartmann dankt dem 60-Jährigen für „diese Offenheit“. Damit habe das Kontrollgremium die Möglichkeit, „in Ruhe die weiteren Vorstandspersonalien zu planen“.

„In Ruhe“? Daran glauben bei Europas größtem Energiekonzern genauso wenige wie die, die mit einer Vertragsverlängerung gerechnet hatten. Schon lange ist der Nachfolger ausgeguckt. Er sitzt bei Bernotats Ankündigung am weitesten von allen Vorstandsmitgliedern entfernt auf dem Podium in der Essener Gruga-Halle, wo Eon zur Hauptversammlung geladen hat: Johannes Teyssen, Chief Operating Officer (COO), und schon länger Bernotats Stellvertreter. Aktionäre sprechen in der Fragerunde auch schon vom „designierten Vorstandsvorsitzenden“. Wer soll es auch sonst machen? Finanzvorstand Marcus Schenck steht wegen Eons hohen Schulden in der Kritik, und die neuen Märkte, für die Lutz Feldmann zuständig ist, bereiten zurzeit die größten Sorgen.

Zu lange wird der 49-jährige Teyssen schon als Nachfolger gehandelt. Und zu lange wird er immer wieder vertröstet. Vor drei Jahren werden Gerüchte gestreut, er stehe vor dem Absprung zum Erzrivalen RWE, um den angeschlagenen Harry Roels zu beerben. Dass er das wirklich vorhat, glauben Vertraute Teyssens zwar nicht. Aber dem Poker um seine Karrierechancen bei Eon dürften die Gerüchte nicht geschadet haben.

Und als Bernotat sich vor zweieinhalb Jahren bei der Übernahmeofferte für den spanischen Versorger Endesa verzettelt, wird schon über eine Ablösung des Vorstandschefs und eine Berufung des ehrgeizigen Teyssens spekuliert, der sich rund 20 Jahre lang im Konzern und seinen Vorläufern nach oben gearbeitet hat.

Spätestens seit Dezember 2007 sind es aber keine reinen Gerüchte mehr. Bernotat selbst kürt Teyssen zum Kronprinzen. Beim traditionellen Hintergrundgespräch zum Jahresausklang teilt er Journalisten dessen Beförderung zum Vizechef mit – im persönlichen Rahmen, bei sich zu Hause, in seinem neuen Haus im noblen Essener Stadtteil Bredeney.

Seitdem ist die Aufgabenteilung klar. Bernotat ist der Außenminister. Im Wochentakt gibt er Interviews, sucht den Kontakt mit Politik und Verbrauchern, um das angekratzte Image des Energiekonzerns aufzupolieren und gute Rahmenbedingungen durchzusetzen. Der groß gewachsene Teyssen ist der Innenminister, der nach der Einkaufstour der Vorjahre Eon wieder in Form bringen muss – und er hat damit genug zu tun, um sich für höhere Aufgaben zu bewähren: Er muss Eon für den sich verschärfenden Wettbewerb fit machen, auf eine strengere Regulierung einstellen, die Kosten senken und die Wirtschaftskrise meistern. Das deutsche Vertriebsgeschäft hat Teyssen, dem Mitarbeiter und Konkurrenten großes Verhandlungsgeschick zuschreiben, schon neu geordnet. Jetzt muss er das Sparprogramm „Perform-to-win“ durchsetzen, mit dem Eon das Ergebnis um 1,5 Milliarden Euro pro Jahr verbessern will – in einem durch hohe Gewinne verwöhnten Konzern, in dem die Belegschaft das Sparen erst noch lernen muss.

Die Rollenverteilung ist zwar sinnvoll. Beide Manager kämpfen, um Eon für die Zukunft zu stärken, und beide haben dabei alle Hände voll zu tun. Doch in Zeiten, in denen das Geschäft nicht mehr rund läuft, gibt ein Vorstandschef in spe Anlass zu Spekulationen. Und es läuft nicht mehr rund bei Eon. Bernotat muss die neuen Beteiligungen in Spanien, Italien und Frankreich schon abwerten, kämpft mit einer hohen Verschuldung und drosselt wegen der Wirtschaftskrise die Prognose.

Als Teyssen vor einem Jahr beispielsweise auf einer Energiekonferenz kritisiert, Eon habe den Boom der erneuerbaren Energien verschlafen, versuchen die Zuhörer zwischen den Zeilen zu lesen: Sägt da einer schon in aller Öffentlichkeit am Stuhl seines Chefs? Danach hält sich Teyssen, der sich früher häufig und gerne in Diskussionsrunden mit politischen Gegnern stritt, mit öffentlichen Auftritten und Interviews zurück. Offenbar um die Gerüchteküche nicht weiter anzuheizen.

Aber an seine künftigen repräsentativen Aufgaben wird Teyssen bereits herangeführt. Im Februar empfängt er in der Eon-Zentrale Fürst Albert von Monaco. In der vergangenen Woche ist es nicht Bernotat, sondern sein Stellvertreter, der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann zu einem Vortrag begrüßt.

Und jetzt wird der Führungswechsel stilvoll eingeleitet. Bernotat darf seinen Abgang selbst verkünden. Darf erklären, dass er sich „beruflichen Herausforderungen jenseits des operativen Geschäfts stellen“ wolle. Er habe sehr konkrete Vorstellungen und wolle „Aufgaben mit internationaler Dimension“ übernehmen. Bernotat darf noch einmal seine Erfolge Revue passieren lassen, mit denen er trotz aller Sorgen Eon mit einem Umsatz von 87 Milliarden Euro zu Europas Nummer eins geformt hat – und er darf noch mal den Applaus der Aktionäre genießen.

In Konzernkreisen wird zwar erwartet, dass die Nachfolge zügig geklärt wird. Aber Teyssen muss noch mal ein Jahr warten. Kann so ein langer Übergang funktionieren? Eon-Manager geben sich zuversichtlich. Die Rollenverteilung funktioniere schließlich schon lange. Und im kommenden Jahr gebe es noch genug große Aufgaben: Eon trotz Wirtschaftskrise auf Kurs zu halten und das Sparprogramm umzusetzen, obwohl der Betriebsrat 19 000 Unterschriften dagegen gesammelt hat. „Ich glaube, dass dann der richtige Zeitpunkt ist, um Eon mit gutem Gewissen an einen Nachfolger zu übergeben“, meint Bernotat.

Johannes Teyssen

1959 Er wird am 9. Oktober in Hildesheim geboren. Er studiert Volkswirtschaftslehre und Rechtswissenschaft in Freiburg, Göttingen, Boston/Massachusetts und promoviert 1991 in Jura.

1989 Johannes Teyssen arbeitet für Preussen Elektra in Hannover, wo er 1994 zum Leiter der Hauptabteilung Recht/Verteilergesellschaften aufsteigt. Er wechselt 1998 in den Vorstand des Energieunternehmens Hastra in Hannover und wird schon ein Jahr später Vorstandsvorsitzender von Avacon in Helmstedt.

2001 Er wechselt in den Vorstand von Eon Energie in München und wird im Jahr 2003 neuer Vorstandschef von Eon Energie.

2004 Er wird Vorstandsmitglied des Eon-Konzerns in Düsseldorf.

2007 Er wird im April Chief Operating Officer (COO) von Eon.

2008 Teyssen wird im März stellvertretender Vorstandsvorsitzender von Eon. Er gehört Aufsichtsräten wesentlicher Konzerngesellschaften an und sitzt im Aufsichtsrat der Deutschen Bank.

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