John Reed scheut keine radikalen Schritte
Technologiefan und kühler Analytiker

Eine wichtige Eigenschaft bringt der neue kommissarische Leiter der New Yorker Börse sicher mit: Unabhängigkeit. John Reed, der langjährige Citibank-Boss und künftige Chef des weltgrößten Aktienmarktes, gilt als distanzierter Technokrat. Seine Ernennung erhöht die Chance auf eine tief greifende Reform des weltgrößten Aktienmarktes.

HB NEW YORK. Das freut den Chef der US-Finanzaufsicht SEC, William Donaldson, der Reed am Sonntag mit Vorschusslorbeeren überhäufte. Skeptisch reagierten dagegen gestern mehrere Makler an der New Yorker Börse (NYSE). Sie fürchten um das Handelssystem, das als eines der letzten weltweit Kauf- und Verkaufsaufträge per Hand abwickelt.

„Er kommt aus einer völlig anderen Welt“, sagte Martin Mayer, Autor des Buchs „Die Banker“, gegenüber der Agentur Bloomberg. „Er ist ein Fan neuer Technologien. So jemand wird nicht unbedingt auf Seiten der New York Stock Exchange stehen“, fügte Mayer hinzu. Bei der Citibank forcierte der heute 64-jährige Reed in den achtziger und neunziger Jahren die Einführung neuer Technologien wie Geldausgabeautomaten und Kreditkartensoftware. Dass er damit Tausende Stellen wegrationalisierte, störte ihn nicht.

Alte Besitzstände und gemütliche Clubatmosphäre in Manageretagen waren Reeds Sache nie. Der kühle Analytiker mit einer Hand voll Uni-Diplomen bildet so einen scharfen Kontrast zu seinem Vorgänger bei der NYSE, Richard „Dick“ Grasso. Der Studienabbrecher aus dem New Yorker Arbeiterviertel Queens zelebrierte die Börse als Hort des amerikanischen Kapitalismus. Bei Grassos edlen Hinterzimmerempfängen traf sich die Elite der Finanzmetropole.

Selbst am vergangenen Dienstag, einen Tag vor seinem erzwungenen Rücktritt, beklatschte Grasso noch öffentlich das traditionelle Läuten des Börsengongs zum Handelsstart. Am Mittwoch trat er zurück, nachdem sein Gehaltspaket von 187,5 Millionen Dollar über Wochen immer lautere Proteste ausgelöst hatte.

Dem zahlengetriebenen Reed blieb die schillernde Börsenwelt stets fremd. „Ich kann mich nur an einen einzigen Besuch im Gebäude der NYSE erinnern“, sagte er jetzt in einer Telefonkonferenz. Mit Ex-Börsenchef Grasso hat Reed, der in Argentinien aufwuchs, nach eigener Aussage noch nie gesprochen.

Reed wählte sich am Sonntag in die Telefonkonferenz von einer französischen Insel aus ein. Dort verbringt er seit seinem Rücktritt als Co-Chef der Citigroup im April 2000 einen Teil des Jahres. Von 1984 bis 1998 leitete er die New Yorker Citibank und fädelte die Fusion mit Sandy Weills Travelers Group zum weltgrößten Finanzdienstleister Citigroup ein. Er gab den Posten bei der Citigroup auf, als er einen Machtkampf mit Weill verloren hatte. Seitdem „habe ich viel gelesen und bin Fahrrad gefahren“, sagte Reed.

Nebenbei erlebt er mit seiner Ernennung zum Chef der NYSE, die er „eher Monate als Jahre“ leiten wird, einen späten Triumph über seinen Widersacher Weill, der ihn einst bei Citigroup ausbootete. Weill sollte im März 2003 als Vertreter von Anlegerinteressen in das NYSE-Führungsgremium gewählt werden. Doch nach scharfem Protest des New Yorker Staatsanwalts Eliot Spitzer zog er seine Kandidatur zurück. Spitzer hatte Weills Citigroup zuvor 400 Millionen Dollar abgeknöpft. Damit legte die Bank eine Untersuchung wegen unsauberer Aktienanalysen bei. Reed hingegen behielt bis zu seinem Ausstieg bei Citigroup eine weiße Weste in Sachen Unternehmensethik.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%